Die Musik der Renaissance

Musikalisch glich die Renaissance viele nationale Eigenheiten der einzelnen Musiken Europas aus. Ende des 16. Jahrhunderts bestanden zwischen dem volkstümlichen England, dem polyphonen Frankreich und dem gesanglichen Italien mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Selbstverständlich blieben aber nationale-gattungsspezifische Besonderheiten erhalten.

In der Kunstmusik überwog weiterhin die geistliche Musik, wenngleich die weltliche Musik eine immer stärkere Rolle spielte und auch Einfluss auf die geistlichen Kompositionen nahm. Ihre zentralen Gattungen waren: die Messe, das Madrigal, die Motette und die franz. Chanson.

Der Kompositionsstil orientierte sich am Gesang. Die Sänger waren stets professionelle Musiker, meistens seit der Kindheit vielseitig ausgebildete Kleriker, die nebenbei oftmals noch als Kapellmeister, Instrumentalisten und Komponisten tätig waren. Die Chöre waren meist solistisch (max. jedoch mit drei Sängern pro Stimme) besetzt. Die Instrumente, sofern vorhanden, unterstützten die Stimmen colla parte (angepasst an die Hauptstimme).

Als revolutionär gilt die Entdeckung der Bassregion als neuer Klangraum, das aufkommende kadenzielle Komponieren, sowie das neue Harmoniegefühl, das v.a. durch die Intervalle der Terz und der Sexte erzeugt wird.

Musiktheoretisch entwickelte Gioseffo Zarlino (1517-1590) eine Musiktheorie, die das „Senario“ (die ersten sechs Töne der Natur- bzw. Obertonreihe) als kompositorische Grundlage definiert. Durch dieses Konzept wurde der Dreiklang in der Musiktheorie etabliert und setzte sich zugleich von der mittelalterlichen Lehre der pythagoreischen Tetraktys ab.

Die Musik der Renaissance bemühte sich um Wohlklang, den sie durch die Diatonik, klare Betonung der starken Zählzeiten eines Taktes und der reinen Stimmung zu realisieren suchte.

Epochenabschnitte

Es gab und gibt verschiedene Versuche, die knapp 200 Jahre dauernde Epoche der Renaissancemusik zu unterteilen. Eine mögliche Variante ist die Aufgliederung nach den Hauptakteuren, den Komponisten. Im Folgenden werden einzelne entscheidende Protagonisten und einige der diese Phasen bestimmenden Merkmale benannt.

1420-1460: John Dunstable, Guillaume Dufay und Gilles Binchois
Die erste Phase war eine Übergangszeit, da hier die renaissancetypischen Umbrüche stattfanden, initiiert durch den englischen Komponisten John Dunstable (1380-1453): Einführung von Terzen, Sexten und vorbereiteten Dissonanzen (Pankonsonanzen) und die Entstehung der Tenormesse (auch: Cantus-Firmus-Messe; der „feststehende Gesang“ der Messe steht in der Stimmlage Tenor).

Als zentraler Vertreter dieser Zeit ist sicherlich Guillaume Dufay (1400-1474) zu sehen, neben ihm auch der am burgundischen Hof tätige Gilles Binchois (1400-1460). Dufays ca. 200 Werk starkes Oeuvre umfasst Messen, Madrificats, Hymnen, Motetten, Chansons. Kompositorisch verfestigte er die neuen Entwicklungen, übernahm in seinen Motetten und Messen die Isorhythmie Dunstables (d.h. die abschnittsweise Wiederholung rhythmischer Strukturen) und richtete seine Melodik nach der immer stärker werdenden Tendenz zur Dreiklangsharmonik aus, oft in Form des „Fauxbourdon“.

Der Fauxbourdon ist eine Satztechnik, die die Melodie eines Stückes in die höchste Stimmlage oktaviert und darunter zwei Begleitstimmen im Intervall einer Quarte und einer Sexte setzt, wodurch ein umgekehrter Dreiklang entsteht.Die Vierstimmigkeit der Stimmlage (Sopran, Alt, Tenor, Bass) wird ausgehend von Dufay zur musikalischen Norm. Seine Cantus Firmi entstammen nicht immer der Liturgie, sondern auch weltlichen Melodien. Das berühmteste Beispiel ist sein Soldatenlied, das zu einem Standard Cantus Firmus der folgenden Renaissance-Kompositionen wird (so etwa bei: Antoine Busnois und Josquin Depréz in ihren Messen „L´homme armé“).

1460-1490: Johannes Ockeghem
Die zweite Generation wird durch den am französischen Hof Ludwig des XI. tätigen, flämischen Komponisten Johannes Ockeghem (1430-1495) eingeleitet.Ockeghems Kompositionen lösen sich vom Prinzip einer führenden Oberstimme und setzen das Prinzip gleichwertiger, freier Einzelstimmen entgegen, die sich durch Imitation und Motivik einander angleichen. Er entwickelt Dufays Vokalstil zu einer Linienkunst weiter, die die Stimmen in weitgespannte Sätze ohne gliedernde Kadenzen oder Wiederholungen verschmelzen lässt. Die Vielfalt oder Abwechslung (lat. varietas) wird zum ästhetischen Prinzip. Er bedient dieselben Gattungen wie seine Vorgänger, bereichtert sie allerdings um einige Kanons. Eine seiner berühmteste Motetten ist die „Intemerata Die mater“.

1490-1520: Josquin Despréz
Die Hochzeit leitet Josquin Despréz (1440-1521) ein. Seine Wirkung ist etwa vergleichbar mit der Bachs oder Beethovens, die eine große Anhängerschaft nach sich zog. Er schafft einen Ausgleich zwischen den beiden vorangegangenen Komponistengenerationen. Seine Musik versucht bewusst Ausdruck zu schaffen, indem er musikalisch-wortartige Motive komponiert und Dissonanzen im Hinblick auf ihre Wirkung setzt. Eine weitere Neuheit ist die Verwendung von Psalmen als neue textliche Grundlage der Motette.

1520-1560: Adrian Willaert / Venezianische Schule
Der venezianische Komponist Adrian Willaert (1490-1562) war ab 1527 Kapellmeister am Dom San Marco tätig. Hier entwickelt sich ein neues Zentrum der Renaissancemusik. Er begründet die Renaissance zählende „Venezianische Schule“, die ihre Tradition bis ins Frühbarock hat, und schart einen großen Schülerkreis („Willaertkreis“) um sich. Willaert spaltet den musikalischen Satz auf und entwickelt als erster die Doppelchörigkeit. Seine Komposition umfassen alle typischen Gattungen und verfestigen bereits etablierte musikalische Normen. Großen Einfluss übt er auf die Musiktheorie aus, besonders auf den Theoretiker Zarlino (s.o.).

1560-1600: Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso und Giovanni Gabrieli
Das „spätniederländische Zeitalter“ wird durch die schon zu Lebzeiten beachteten Komponisten Lasso, Palestrina und Gabrieli vollendet. Letzterer gilt jedoch als Schwellenfigur, weil seine Mehrchörigkeit zwar einerseits für eine Zuordnung zur Renaissance spricht, die homophone Satzstruktur andererseits schon sehr barock wirkt.

Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) steht für die mehrstimmige und textlich verständliche Musik, die er, der Legende nach, für die katholische Kirche „salonfähig“ machte (siehe: 1567: Giovanni Pierluigi da Palestrina: Missa Papae Marcelli). Orlando di Lasso (1532-1594) galt als außerordentlich humorvoll, was sowohl durch die überlieferten Briefe, als auch durch witzige Kompositionen belegt ist. Er entwickelt den Motettenstil Josquins weiter. Giovanni Gabrieli (1555-1612) schließlich entwickelte die Mehrchörigkeit weiter, begünstigt durch die baulichen Gegebenheiten des San Marco Domes (siehe: 1597: Giovanni Gabrieli: Sacrae Symphoniae). Seine Vokal- und Instrumentalmusik war europaweit geschätzt und lockte viele Schüler zu ihm. Er prägt als erster den Begriff der „Sonate“ als klingendes Instrumentalstück. Die begleitenden Instrumente wie Orgel oder Laute spielen eine eigens herausgefilterte Stimme, den „basso seguente“. Hierbei handelt es sich um einen Vorläufer der Generalbasses.

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