Hier finden Sie, nach und nach erweitert, Grundlegendes zur Frühen Neuzeit.

Mensch und Tier: Der Hund und das Pferd – Schutz und Hilfe bei der Jagd

Es gibt Bilder, die schon über 9.000 Jahre alt sind und den Hund als Jagdhund zeigen. Wahrscheinlich wurde der Hund zunächst für die Jagd gezähmt und genutzt. Er ist schnell, kann sehr gut riechen und ist ziemlich furchtlos.

Die Züchtung ermöglichte es zum Beispiel in der römischen Antike, verschiedene Rassen für verschiedene Aufgaben bei der Jagd einzusetzen: Manche, die einen besseren Geruchssinn hatten, waren für das Auffinden (das Wittern) zuständig, andere, kräftigere Hunde, für das Angreifen der Beute.

Eine eindrucksvolle Jagdszene ist auf dem folgenden Bild zu sehen: Es stammt von Peter Paul Rubens (1577-1640), ist ungefähr 400 Jahre alt und heißt „Nilpferdjagd“. Das Bild ist eines von vier großen Jagdbildern. Rubens fertigte sie für den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. (1573–1651) an (Simson, 1996, S. 17). Rubens hatte aus seiner Zeit in Italien (1600-1608) für monumentale Malereien mitgebracht:

„Er hatte aus Italien den Geschmack für riesige Leinwandflächen mitgebracht, um Kirchen und Paläste zu schmücken, und gerade so etwas brauchten die Fürsten und kirchlichen Würdenträger dieser Zeit.“ (Gombrach, 2010, S. 347)

Die Nilpferdjagd ist über drei Meter lang und fast zweieinhalb Meter hoch.

Peter Paul Rubens: Die Nilpferdjagd (um 1615); Bild: 5.555 Meisterwerke. © 2000 DIRECTMEDIA Publishing GmbH

Peter Paul Rubens: Die Nilpferdjagd (um 1615); Bild: 5.555 Meisterwerke. © 2000 DIRECTMEDIA Publishing GmbH

Bildbeschreibung

Eine dramatisches Bild: Fünf Männer versuchen, mit Speeren ein Nilpferd zu erlegen. Es geht hier um Leben und Tod – und zwar für beide: für die Jäger und für die Gejagten.

Ein Mann hat offensichtlich bereits sein Leben verloren. Ein Krokodil, dass sich ihm noch einmal gierig zuwendet, und ein panisch, aber auch gefährlich aufschreiendes Nilpferd haben ihn überwältigt.

Ein zweiter Mann versucht noch, dem Tod zu entgehen. Ein weißer Jagdhund über ihm scheint ihm dabei eine Hilfe zu sein. Der Hund streckt sich, um das Nilpferd zu attackieren. Vielleicht schafft er es gemeinsam mit einem anderen Hund mit dunklem Fell unter ihm – auf dieser Abbildung nur schlecht zu sehen –, mit dem Mann links auf dem Pferd, der seinen Speer soeben in das Nilpferd rammen möchte. (Auch die beiden anderen Jäger sind kurz davor, das Nilpferd zu attackieren.)

Der Kampf zwischen den Jägern und den dem Nilpferd steht kurz vor der Entscheidung. Und genau das macht das Bild so spannend. Der Betrachter weiß nicht, wie es ausgeht. Es sieht allerdings nach einem Sieg der Jäger aus, aber ob noch jemand von ihnen sterben muss?

Ähnlich offen ist der Kampf gegen das Krokodil. Erst wenn das Nilpferd besiegt ist, könnten die Jäger dem Mann unten links helfen. Hilft dem Mann der Dolch, den er in der Hand hält, oder vielleicht der dritte Hund, der sich bereits am Krokodil festklammert – obwohl er gegen ein Ausschlagen des Schwanzes machtlos wäre.

Die relativ helle Hautfarbe der Männer der sowie ihre Kopfbedeckungen deuten darauf hin, dass sie im ägyptischen Raum jagen. Heute lebt im ägyptischen Teil des Nil kein Nilpferd mehr. Aber noch bis in das 19. Jahrhundert hinein gab es im Nildelta diese Flusspferde.

Im Zoo sehen Nilpferde recht harmlos und friedlich aus. Tatsächlich können sie sehr aggressiv sein, vor allem, wenn sie sich oder ihren Nachwuchs bedroht sehen. Hierbei setzen sie auch ihre gefährlichen Eckzähne ein.

Krokodil und Nilpferd

Im Bibelbuch Hiob werden interessanterweise beide Tiere hintereinander genannt – gekennzeichnet als Geschöpfe, die vom Menschen nicht zu überwältigen seien:

„Sieh doch das Nilpferd, das ich wie dich erschuf. Gras frisst es wie ein Rind. Sieh doch die Kraft in seinen Lenden und die Stärke in den Muskeln seines Leibs! Wie eine Zeder lässt es hängen seinen Schwanz; straff sind verflochten seiner Schenkel Sehnen. Seine Knochen sind Röhren von Erz, wie Eisenstangen sein Gebein. Es ist der Anfang der Wege Gottes; der es gemacht hat, gab ihm sein Schwert. Doch die Berge tragen ihm Futter zu und alle Tiere des Feldes spielen dort. Es lagert unter Kreuzdornbüschen, in dem Versteck von Schilf und Sumpf. Kreuzdornbüsche decken es mit Schatten, die Pappeln am Fluss umgeben es. Schwillt auch der Fluss, es zittert nicht, bleibt ruhig, wenn auch die Flut ihm ins Maul dringt. Kann man an den Augen es fassen, mit Haken ihm die Nase durchbohren?

Kannst du das Krokodil am Angelhaken ziehen, mit der Leine seine Zunge niederdrücken? Legst du ein Binsenseil ihm in die Nase, durchbohrst du mit einem Haken seine Backe? Fleht es dich groß um Gnade an? Richtet es zärtliche Worte an dich? Schließt es einen Pakt mit dir, sodass du es dauernd nehmen kannst zum Knecht? Kannst du mit ihm wie mit einem Vogel spielen, bindest du es für deine Mädchen an? Feilschen darum die Jagdgenossen, verteilen sie es stückweise unter die Händler? Kannst du seine Haut mit Spießen spicken, mit einer Fischharpune seinen Kopf? Leg nur einmal deine Hand daran! Denk an den Kampf! Du tust es nie mehr.“ (Hiob 40,25-32, Einheitsübersetzung, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart)

Der Maler Rubens hat dieses wilde und ungestüme Wesen des Nilpferdes und die Kraft des Krokodils drastisch in Szene und Farben nachgezeichnet.

Der Kampf – und tatsächlich hast man bei diesem Bild manchmal eher den Eindruck, dass hier eher ein Kampf als eine Jagd dargestellt wird – scheint zu Gunsten der Menschen auszugehen, bleibt jedoch ob der Kraft und Zähigkeit der gejagten Tiere offen. Reichen die Attacken der Hunde und die Speere der Menschen aus, um das Nilpferd zu besiegen? Wahrscheinlich schon, aber nur mit großen Verlusten. Ein Mensch ist zumindest schon tot, ein anderer in allergrößter Not.

Das Krokodil steht in vielen bildlichen Darstellungen (auch) der Frühen Neuzeit als Sinnbild für die Heuchelei, die Falschheit (Kretschmer, 2008, S. 240). Inwieweit dieses Attribut auch auf dieses Szene zutrifft, vermag ich nicht zu sagen.

Der Hund

„Die Nilpferdjagd“ zeigt den Mut und die Aggressivität des Hundes, aber auch seine Bereitschaft, sich mit „Leib und Seele“ für den Menschen und dessen Schutz einzusetzen. Gegen ein Krokodil und ein Nilpferd wäre der Hund eigentlich machtlos, doch im Zusammenwirken mit dem Menschen traut er sich, diese anzugreifen – auch wenn Verletzung und Tod drohen.

Vielleicht ist die Attacke des weißen Hundes, die durch eben die Farbe des Hundes hervorgehoben erscheint, mitsamt den einstichbereiten Speeren der Jagenden der entscheidende Moment im Kampf gegen Nilpferd und Krokodil.

Das Pferd

Drei Pferde sind auf Rubens Bild zu sehen. Und auch sie sind Schutz und Hilfe zugleich: Der Jäger nimmt auf dem Rücken des Pferdes eine erhöhte Position ein, was angesichts der Größe eines Nilpferdes von ca. 1,5 Metern hilfreich ist. Die Pferde sind aufgerichtet, stehen auf den Hinterbeinen, sie wirken dynamisch mit ihren wehenden Mähnen und muskulösen Beinen. Interessanterweise haben die Reiter keinerlei Mühe, sich trotzdem auf dem Pferd zu halten – im Gegenteil, sie nutzen die Höhe, um mit voller Kraft das Nilpferd zu attackieren: Der linke Jäger nimmt gar beide Hände zu Hilfe und rammt den Speer in die Seite des zu besiegenden Tieres. Die Pferde helfen ihm dabei, ja zwei von ihnen schauen direkt auf das Nilpferd nieder, scheinen zu wissen, worum es ihren Herren geht.

 


Literatur

Simson, Otto von: Peter Paul Rubens (1577-1640). Humanist, Maler und Diplomat. Mainz 1996.

Gombrich, E.H.: Die Geschichte der Kunst. Erweiterte, überarbeitete und neu gestaltete 16. Ausgabe. Berlin 2010.

Gombrich, E.H.: Die Geschichte der Kunst. Erweiterte, überarbeitete und neu gestaltete 16. Ausgabe. Berlin 2010.
Ein Standardwerk zur Geschichte der Kunst von den Anfängen bis zur Moderne.

Cover: Kretschmer: Lexikon der Symbole.

Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst. Reclam 2008.
Ein gutes Nachschlagewerk für die Kunst vom frühen Christentum bis zum 19. Jahrhundert. Eine Rezension zum Buch findet sich bei sehepunkte.de.

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Hrsg. von der Katholischen Bibelanstalt. Stuttgart 1980. Online lesbar auf BibelServer.de.

Mensch und Tier: Der Hund als bester Freund

„Dass mir der Hund das Liebste sei,
sagst Du, o Mensch, sei Sünde.
Ein Hund bleibt Dir im Sturme treu,
ein Mensch nicht mal im Winde.“

Franz von Assisi drückte vor vielen hundert Jahren das aus, was viele Hundebesitzer noch heute denken: Der Hund ist treuer als so mancher Mensch. Auf ihn ist immer Verlass. Er gehört wie selbstverständlich an die Seite des Menschen, hält zu seinem Besitzer, beschützt ihn und steht ihm mutig auch in gefahrvollen Situationen bei.

Kurz: Er ist ein Freund, ein guter Freund, manche sagen gar „der beste Freund des Menschen“. Dieses freundschaftliche Verhältnis zeigt sich auch in einigen Kunstwerken.

„Ein Knabe floht seinen Hund“ heißt das folgende Bild von Gerard Terborch (der Jüngere, 1617-1681), das er um 1655 malte.

Gerard Terborch (der Jüngere): Ein Knabe floht seinen Hund" (um 1655); Bild: 5.555 Meisterwerke. © 2000 DIRECTMEDIA Publishing GmbH

Gerard Terborch (der Jüngere): Ein Knabe floht seinen Hund“ (um 1655); Bild: 5.555 Meisterwerke. © 2000 DIRECTMEDIA Publishing GmbH

Beschreibung des Bildes

Das Bild zeigt einen Jungen, der seinen Hund nach Flöhen absucht und diese dann wohl zerdrückt. Der Hund liegt ruhig auf dem Schoß des Jungen. Er hat scheinbar nichts dagegen, dass der Junge ihm in seinem Fell „herumwühlt“.

Die ganze Szene wirkt sehr friedlich und ruhig. Kurz: Hier sind zwei vertraute Freunde zu sehen.

Auf dem Tisch links neben dem Jungen liegt ein Heft oder eine Schreibkladde. Eine Schreibfeder steckt in einem Tintenfass und auch ein Etui ist zu sehen. Vielleicht hat der Junge gerade seine Hausaufgaben für die Schule gemacht.

Der Hut im Vordergrund mag aufzeigen, dass der Junge von draußen kommt oder nach der Pflege des Hundes noch nach draußen geht.

Die Einrichtung des Zimmers sieht aus heutiger Sicht etwas ärmlich oder karg aus. Trotzdem scheint der Junge nicht unglücklich zu sein: Er sieht zufrieden aus.

Einfach „nur“ eine realistische Darstellung des Lebens?

Diese Beschreibung des Bildes wirkt so, als habe der Maler Gerard Terborch hier „einfach“ eine realistische Szene wiedergegeben wollen. Aber das ist nur eine Interpretation solcher Gemälde. Terborch lebte und wirkte im sogenannten „Goldenen Zeitalter“, das das niederländische 17. Jahrhundert umschreibt: eine Hoch- oder Blütezeit in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht. Der Maler gilt als ein Hauptvertreter des holländischen Genrebildes des 17. Jahrhunderts.

Lange wurden diese Bilder als eine Art Sittengemälde der holländischen Gesellschaft aufgefasst, als Abbildungen der Realität. Seit einigen Jahrzehnten werden sie verstärkt ikonologisch gedeutet, mehrdeutig, symbolisch – teilweise sogar als eine Art „Scheinrealismus, hinter dem sich die eigentliche, symbolische und meist moralisierende Bedeutung verstecke“. (Hammer-Tugendhat, 2009, S. 232. Siehe dazu auch Michalski, 2015, S. 104 f. Vollständige Literaturangaben siehe unten.)

Allerdings ist es nicht immer einfach, die Bedeutung einzelner Sinnbilder oder Symbole zu erkennen. So ist es bezüglich des oben gezeigten Gemäldes von Terborch zum Beispiel wichtig zu wissen, dass der Ausdruck „einen Hund flohen“ im Holländischen für den Müßiggang steht, also für eine zeitgenössisch wenig erstrebenswerte Eigenschaft zu leben. Der Junge lässt sich ablenken von seinen eigentlichen Aufgaben. Und so kann seine ruhige, gedankenverlorene Art, den Hund zu pflegen und dabei seine Arbeiten hintenan zu stellen, auch als moralische Kritik seiner Zeit verstanden werden.

Aber vielleicht erinnert der Hund mit seinem zum Teil weißen Fell auch daran, dass das Kind durch eine gute Erziehung seinen Weg noch finden muss. In Verbindung mit Kindern stand der Hund in der Kunst der Frühen Neuzeit nämlich für die „Erziehung zur Tugendhaftigkeit“ (Kretschmer, 2008, S. 196).

Weitere Quellen

Im übrigen weisen auch einige schriftliche Werke der Frühen Neuzeit auf die enge, freundschaftliche Verbindung zwischen Mensch und Tier hin. In Zedlers Lexikon (Band 13, 1739, Sp. 1178) beispielsweise beginnt der Artikel „Hund“ mit einem Loblied: Ihre besondere Treue, Wachsamkeit, Gehorsamkeit und Liebe hebe sie von anderen Tieren ab. Eine „Ausführliche Geschichte der Hunde“ aus dem Jahre 1781 hat der Psychologie des Hundes ein eigenes Kapitel (S. 22 ff.) gewidmet. U.a. wird die große Anhänglichkeit der Hunde erwähnt, ja sogar ein gewisses „Vorhersehungsvermögen“: Ist der Herr auf einer Reise, merke so mancher Hund bereits vier Tage vor dessen Rückkehr, dass das Herrchen bald wieder da ist.

Der Hund als treuer Gefährt des Menschen – dieses Bild gab es in der Frühen Neuzeit ebenso wie heute!


Literatur zu diesem Artikel

Cover des Buches: Hammer-Tugendhat: Das Sichtbare und das Unsichtbare.

Hammer-Tugendhat, Daniela: Das Sichtbare und das Unsichtbare. Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2009.

Cover des Buches: Hammer-Tugendhat: Das Sichtbare und das Unsichtbare

Michalski, Sergiusz: Einführung in die Kunstgeschichte. Darmstadt 2015.
Laut kulturbuchtipps.de eine “ schöne und leicht verständliche Einführung in die Kunstgeschichte“.

Cover: Kretschmer: Lexikon der Symbole.

Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst. Reclam 2008.
Ein gutes Nachschlagewerk für die Kunst vom frühen Christentum bis zum 19. Jahrhundert. Eine Rezension zum Buch findet sich bei sehepunkte.de.

Quellen zu diesem Artikel

Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges UNIVERSAL LEXIKON Aller Wissenschafften und Künste, welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… Band 13. Halle und Leipzig 1739. (Zedler-Lexikon online)

[Anonym] Ausführliche Geschichte der Hunde: von ihrer Natur verschiedenen Arten Erziehung Abrichtung Krankheiten und mannigfaltigen pharmazevtischen Gebrauch. Leipzig 1781. (Google Books)

 

Eine kleine Geschichte sehr kleiner Menschen: Fazit

Waren die in frühneuzeitlichen Schriften beschriebenen extrem kleinwüchsigen Menschen nur Fabelwesen, die Völker nur Fabelvölker? Teilweise ist dies wohl anzunehmen, gerade wenn es um Zwerggestalten und -völker geht, die angeblich in Höhlen lebten und magische Kräfte besaßen. Teilweise haben wir es in den Quellen aber auch „nur“ mit schlichten Übertreibungen oder Ableitungen zu tun: Eigene Erfahrungen mit extrem kleinwüchsigen Personen wurden vielleicht mit Berichten über kleinwüchsige Völkern gleichgesetzt.

Unbestritten ist wohl:

  • Es gab und gibt kleinwüchsige Menschen (nach heutiger Definition unter 150 cm) – und auch extrem kleinwüchsige Personen (unter 130 cm), deren geringe Größe auf Wachstumsstörungen zurückgehen.
  • Es gab und gibt regionale Unterschiede bei der Körpergröße: Und so finden sich auch kleinwüchsige Völker oder Ethnien – mit Menschen, die um oder unter 150 cm groß sind oder waren.
  • Nicht gab es wohl extrem kleinwüchsige Personen, die in unterirdischen Höhlen lebten und über magische Kräfte etc. verfügten.

In der Frühen Neuzeit mehren sich die Zweifel an den Geschichten von Völkern, Pygmäen und Erdleuten, die sehr klein waren: Die antiken Quellen, aber auch die Erzählungen der Vorfahren werden zunehmend kritischer gesehen.

Was die kleinwüchsigen Menschen angeht, so gab es an ihrer Existenz nichts zu zweifeln. Die Kleinwüchsigen wurden verspottet, als minderwertig angesehen, für niedere Dienste genutzt. Von Mitleid mit den kleinen Gestalten liest man in den Quellen nichts …

Eine kleine Geschichte sehr kleiner Menschen, Teil 3: Kleinwüchsige

In seiner „Allgemeinen Naturgeschichte“ (Band 6, S. 805 ff.) beschreibt der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon zunächst einzelne Völker mit recht kleinen Menschen (zwischen 100 und 130 cm groß). Er erklärt diesen Zustand mit der Beschaffenheit des Lebensraums (z.B. dem Klima) sowie den Lebensumständen der Menschen: harte Arbeit, mangelnde Ernährung. Anschließend (S. 308) erläutert Leclerc de Buffon: „Eine ganz andere Bewandtniß hat es mit den Zwergen, die unter allen Völkern einzeln gefunden werden (…)“. Sie seien noch kleiner als die genannten Völker, einfältiger und zeugungsunfähig. Es folgen einzelne Geschichten um kleinwüchsige Menschen – und so auch hier:

Einzelne Geschichten kleinwüchsiger Menschen

Antike

Aus der Antike sind einige Geschichten einzelner, extrem kleiner Menschen bekannt. Der bereits erwähnte Philosoph und Verfasser zahlreicher historischer Werke, Karl Friedrich Flögel, berichtet in seiner „Geschichte der Hofnarren“ (1789) Folgendes:

  • Zur Zeit Kaiser Theodosius (4. Jh. nach Christi) gab es in Ägypten einen Zwerg, der nicht größer als ein Rebhuhn war. Er war recht intelligent, konnte gut singen – Flögel hält diese Geschichte des Nikephorus Kallistu Xanthopulus (griechischer Kirchengeschichtsschreiber des 13./14. Jahrhunderts) aber für übertrieben.
  • Johannes Cassianus (christlicher Priester und Abt, 4./5. Jahrhundert) habe, so Flögel weiter, als Kind zwei bärtige Zwerge in Lyon gesehen, die nicht größer waren als eine Elle (ca. 50-60 cm).
  • Nach Sigaud de la Fonds Werk „Wunder der Natur“ gab es bei den Römern einen regelrechten Handel mit Zwerggestalten. Dafür schreckten Kaufleute nicht zurück, kleine Kinder in enge Tücher zu schlagen, damit das Wachstum stehen bliebe.
  • Johannes Xiphilinos (Mönch, 11. Jahrhundert) und Publius Papinius Statius (römischer Dichter, erstes Jahrhundert) erzählen von Fechtspielen, bei denen zur Unterhaltung Zwerge eingesetzt wurden.
  • Nach dem römischen Schreiber Gaius Suetonius Tranquillus(erstes / 2. Jahrhundert) „hielt“ sich Kaiser Augustus eine Reihe wohlgebildeter Zwerge, um im kindlichen Spiel seine „natürliche Traurigkeit“ zu vergessen.
  • Kaiser Commodus (2. Jahrhundert) hatte in seiner Dienerschaft einen Zwerg, der (so Herodian, 2./3. Jahrhundert) nackt, lediglich mit Schmuck behangen, herumlief. Der Zwerg musste oft auch bei dem Kaiser schlafen, damit dieser ihm seine Liebe zeigen konnte.
  • Severus Alexander, römischer Kaiser (3. Jahrhundert), schließlich beendete „diese Mode“ des Zwergenhaltens und jagte alle „Zwerginnen und Zwerge“ von seinem Hofe.

Mittelalter

Zwerge werden auch in germanischen Mythen und skandinavischen Geschichten erwähnt. Sie seien schlichtweg deutlich kleiner als der normale Mensch gewesen, aber handwerklich äußerst geschickt – vor allem in der Schmiedekunst haben sie sich hervorgetan. (Lexikon des Mittelalters, Bd. 9, 1998, Sp. 729.) In der mittelhochdeutschen Literatur erscheint der Zwerg als alter, bärtiger Mann, als kindliches Wesen und – hauptsächlich – als Ritter. Das Nibelungenlied aus dem beginnenden 13. Jahrhundert erwähnt den alten und bärtigen Alberich, der eine Tarnkappe besitzt, um sich unsichtbar zu machen. Die Sage des Königs Ortnit, bekannt aus der Wolfdietrich-Sage (13. Jahrhundert) zeigt einen kindlichen Zwerg. Ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert stammt das Heldenepos um den ritterlichen Zwerg König Laurin, der über ein größeres Zwergenvolk herrschte, das im Rosengarten (Südtiroler Dolomiten) lebte. Der König selbst wohnte in einem unterirdischen, prunkvollen Schloss. Die Größe der Zwerge wird unterschiedlich angegeben: Sie reichte von ca. 20 cm (eine Spanne) bis ca. 90 cm (drei Schuh). Sie zeigen teilweise große Kräfte, einerseits körperliche, andererseits magische Kräfte. Wie der König Laurin wohnen sie unter der Erde, in Höhlen. Von ihrem Wesen her besaßen die Zwerge in der Tradition des deutschen Heldenepos’ eher “einen gutartigen, sympathischen Charakter”. In spätere Zeiten floss aus dem Romanischen allerdings auch ein bösartiger Zug in die Beurteilung dieser Wesen: Heimtücke und List.

  • Literatur: Habiger-Tuczay, Christa: Zwerge und Riesen. In: Müller, Ulrich und Werner Wunderlich (Hrsg.): Dämonen, Monster, Fabelwesen. (Mittelaltermythen , Bd. 2) St. Gallen 1999, S.  635 ff.
  • Lütjens, August: Der Zwerg in der deutschen Heldendichtung. Hildesheim, New York 1977 (Nachdruck der Ausgabe Breslau 1911)

Frühe Neuzeit

Wie schon in der Antike wird auch in der Frühen Neuzeit von herrschaftlichen Höfen berichtet, die sich Zwerge als Diener und/oder zur Unterhaltung und Belustigung hielten.

  • Aus Brandenburg berichtet Karl Friedrich Flögel von Menschenversuchen: Die Gemahlin des Kurfürsten von Brandenburg, Joachim Friedrich (1546-1608), orderte zwei Zwerge an ihren Hof, um sie zu verheiraten und um zu sehen, ob sie KInder zeugen können. Es hat nicht geklappt. (Flögel, S. 514)
  • Am Hofe Friedrichs I. (1657-1713), König von Preußen, gab es massiven Diebstahl von Wachslichtern – besonders ein Zwerg soll daran beteiligt gewesen sein. (Flögel, S. 515)
  • In Frankreich sei es unter den französischen Königen Franz I. (1494-1547) und Heinrich II. (1519-1559) Mode gewesen, Zwerge am Hof zu halten. (Flögel, S. 516)
  • In Frankreich gab es auch einen Bischof und Schriftsteller, der die Größe eines Zwerges hatte: Antoine Godeaud (1605-1672).
  • Auch aus Italien (Flögel, S. 519), Österreich und Russland (Flögel, S. 524 f.) wird berichtet, dass zur Belustigung hässliche und „übel gewachsene“ Zwerge als Diener angestellt waren. (Flögel, S. 519)
  • Ausführlich erzählt Flögel die Lebensgeschichte Nicolaus Ferrys (geb. 1749), der sehr klein war und nur wenig Verstand mitbrachte. Bis zu seinem 15. oder 16. Lebensjahr war er von guter Gesundheit, anschließend aber entwickelte er verschiedene Leidenschaften (Zorn, Eifersucht, Begierden) und wurde nach und nach kränklicher. Er starb mit 22 Jahren.

Ursachen der Kleinwüchsigkeit in frühneuzeitlichen Augen

Unterschiedliche Ansichten gab es in der Frühen Neuzeit zu den Fragen, warum Kinder gezeugt werden, die sehr klein bleiben und ob diese Menschen selbst wiederum zeugungsfähig seien oder nicht.

Das „Curieuse und Reale Natur-Kunst-Berg-Gewerck- und Handlungs-Lexicon“ (Spalte 2265 f.) von 1731 führt zwei Gründe an: „(…) aus einem Mißwachs,  da durch Vergiftung oder andere Schäden ihr Wachstum verhindert worden, oder sie durch die wunderliche Einbildung ihrer schwangeren Mütter (…)“. Bezüglich der Einbildung gab es die Theorie, dass eine schwangere Frau etwas sieht, was im buchstäblichen Sinne einen tiefen Eindruck bei ihr bzw. dem Kind im Leibe hinterlässt.

Auch die Lebensumstände können, so die Ansicht mancher Autoren, zu mangelndem Wachstum führen. Georg Wilhelm Wegner (1692-1765), ein evangelischer Pfarrer in Brandenburg-Preußen, führt mit Skepsis den vielgelesenen Erasmus Francisi an (s. den ersten Teil dieser Geschichte sehr kleiner Menschen). Dieser nennt als Grund, „daß Leute aus wilder Ungezogenheit und Furcht für (=vor) den Thieren, in den Löchern unter der Erde gewohnet, da sie vielleicht wegen des stets gebogenen sitzens, oder krumm liegens, der Natur eine Hinderniß gegeben, die Glieder nicht recht zu erstrecken.“ Zudem führt Erasmus an, dass kleine Leute durch den sexuellen Verkehr unter Kindern entstünden, wie dies in Indien der Fall sei. (Wegner, S. 780 ff.) Wegner hält dies alles für unwahr – lediglich einzelne Menschen gebe es, die kleiner seien als andere, aber dies sei lediglich eine natürliche Abweichung. (S. 784)

zum Fazit der kleinen Geschichte sehr kleiner Menschen I alle Teile der Geschichte

Eine kleine Geschichte sehr kleiner Menschen, Teil 1: Die Pygmäen in der Frühen Neuzeit (16. – 18. Jahrhundert)

Teil 1: Pygmäen und Zwergenvölker

Der Begriff „Pygmäen“ ist eine seit dem 19. Jahrhundert auf bestimmte Gesellschaften in Zentralafrika angewandte (sehr problematische) Bezeichnung, Gesellschaften, deren Menschen eine relativ geringe Körpergröße aufweisen.

Wenn in Schriften der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit von Pygmäen die Rede ist, sind ganze Völker mit sehr kleinen Menschen (unter einem Meter) gemeint. Teilweise ist auch von Zwergenvölkern die Rede.

Antike

Homer, der griechische Dichter (lebte vielleicht um 700 v. Chr.) setzt die Existenz von Pygmäen in seiner Dichtung Ilias voraus. Er erwähnt sie in ihrem Kampf gegen die Kraniche, in denen viele Pygmäen ihr Leben lassen mussten. Bis in die Frühe Neuzeit hinein wird die Möglichkeit solcher Kämpfe diskutiert und vermehrt angezweifelt. Doch auch schon in der Antike wurde die Existenz eines solchen Volkes bestritten, so z.B. von Strabon, einem Geschichtsschreiber und Geographen, der bis in das erste Jahrhundert n. Chr. gelebt hat. Das Mittelalter hingegen übernahm den Mythos von dem Pygmäen-Volk.

Die Pygmäen erscheinen (neben Erwähnungen in altägyptischen Schriften) auch in einer Schrift („Indiká“) des des griechischen Arztes und Geschichtsschreibers Ktesias von Knidos (um 400 v. Chr.) – neben monströsen Gestalten wie den Menschen mit Hundekopf, Menschen mit nur einem Fuß (einem Riesen-Fuß, der bei Sonnenschein als Sonnenschirm dient), Menschen mit Riesenohren. Durch die Übernahme dieser Klassifizierungen des Monströsen in die so genannten Alexanderromanen (Biografien zu Alexander dem Großen) fanden diese Gedanken weite Verbreitung im Mittelalter. Die Pygmäen selbst seien dunkelhäutig und äußerst kleinwüchsig, die Männer besaßen „ein im Verhältnis zu ihrer Körpergröße überproportioniertes Geschlechtsteil“ (Steinicke: Apokalyptische Heerscharen und Gottesknechte, 2002, S. 15).

Weitere antike Gelehrte erwähnen Pygmäen-Völker, zum Beispiel

  • Aristoteles, der in seiner Historia animalium (8. Buch, 12. Kapitel) erklärt, dass die Pygmäen in unterirdischen Höhlen Ägyptens lebten;
  • der griechische Diplomat und Geschichtsschreiber Megasthenes (um 300 v. Chr.). Er sieht wie Ktesias die Pygmäen in Indien beheimatet;
  • Plinius der Ältere (Naturalis Historia, 7. Buch, 2. Kapitel), der auch die Größe der Pygmäen benennt: Sie würden nicht größer sein als drei Spannen, also ca. 90 cm. Gerüchten zufolge ritten sie auf Widdern und Ziegen. (Siehe online: Cajus Plinius Secundus: Naturgeschichte. Band 1, Bücher 1 bis 16, übersetzt von Johann Daniel Denso, 1764.)

Mittelalter

Die Pygmäen werden im Mittelalter im Kontext der Diskussion über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier angeführt: Was macht ein Tier aus, was den Menschen?

Albertus Magnus, Bischof im 13. Jahrhundert und Kirchenlehrer, sprach den Pygmäen das Menschsein ab und ordnete sie zwischen Mensch und Affe ein. Als Grund nennt er ihre fehlende „wahre Vernunft“ (Münkler [2006], S. 238): Sie könnten keine logischen Schlüsse ziehen (Friedrich [2009], S. 140), ihre Sprache und ihre Sitten seien nur instinktiv und nachahmend (Münkler [2006], S. 238). Interessant ist noch, was Albertus Magnus als Grund für die Kleinwüchsigkeit der Pygmäen anführt: Nur ein Teil des männlichen Samens sei im Mutterschoß angekommen (Boiadjiev [2009], S. 176).

Ähnlicher Meinung war um 1300 schon der Bischof von Clermont, Pierre d’Auvergne (Petrus de Alvernia), neigte dann aber der Meinung zu, dass Pygmäen vernunftbegabte Menschen seien (Boiadjiev [2009], S. 176).

Der Gelehrte Konrad von Megenberg (1309-1374) führte schließlich in seinem Buch der Natur (Buch VIII, Kap. 2) aus, dass die Größe eines Menschen von der Fülle und Kraft des männlichen Samens abhängig sei. Als Lebensort der „zwey daumen“ großen Pygmäen nannte er einen hohen Berg in Indien.

Frühe Neuzeit

Die Gelehrten der beginnenden Frühen Neuzeit befanden sich in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite standen die Autoritäten der Antike, auf der anderen Seite suchte sich der Wille zu einer eigenständigen, voruteilsfreien, autoritätenabhängigen seine Wege. Teilweise wurden eigene Beobachtungen mit Macht in das alte System zu pressen versucht, teilweise wurden Sachen angezweifelt, die für viele noch eine Tatsache darstellten. Diese Unsicherheit ist bei vielen Gelehrten zu spüren, wenn sie Erfahrungen aus ihrem Umfeld, die antiken und mittelalterlichen Begebenheiten glichen, wiedergeben, aber hier und da Zweifel durchscheinen lassen.

Dies traf auch auf die Geschichten über die Pygmäen zu. Von ersten Zweifeln bis hin zur offenen Ablehnung solcher Geschichten war es ein weiter Weg. Eine kleine, nicht-repräsentative Auswahl der unterschiedlichen Berichte und Meinungen werden nachfolgend dargestellt:

Sebastian Münster: Cosmographia (1544)

Sebastian Münster (1488-1552) war ein berühmter Kosmograph und Hebraist (also ein Gelehrter der hebräischen Sprache). Er trat zunächst dem Franziskanerorden bei, wurde 1529/30 protestantisch und lehrte hauptsächlich an der Universität Basel. Seine berühmteste Schrift, die „Cosmographia“, veröffentlichte er im Jahre 1544: eine Beschreibung der Welt, mit geschichtlichen und geographischen Anmerkungen zu den einzelnen Ländern.

Im 5. Buch (ab Seite 751, Ausgabe Basel 1545) beschreibt er Indien. Er geht zunächst auf die antiken Erzählungen (u.a. Plinius) von kopflosen Menschen, Menschen mit nur einem Fuß, mit Ohren, die bis zum Boden reichen, ein. Über die Pygmäen schreibt er, dass sie (nach den alten Berichten) nicht länger als „drey spannen“ seien und im Krieg gegen Vögel (Kraniche) auf Widdern und Geißböcken ritten (s.o.). Im Folgenden zweifelt Münster diese Geschichten an, verwirft sie aber nicht komplett: „Nun die vergemelten und vil dergleichen monstra oder wunder sezten die alten in de Land India / ist aber keiner hie außen ie erfunden worden der diser wunder eins gesehen hab.“ (S. 753) Aber trotzdem könne es sein, dass Gott in jedem Land solche Wunderwerke geschaffen habe, um seine Macht und Weisheit zu zeigen.

Erasmus Francisci: Ost- und West-Indianischer und Sinesischer Lust- und Stats-Garten (1668)
Erasmus Francisci war ein Universalgelehrter, der nach seinem Studium des Rechts in den Dienst des späteren Reichsgrafen Johann Ernst von Wallenrodt trat und mit ihm einzelne (europäische) Länder bereiste. In Form eines Dialogs zwischen Sinnebald und Angelott fragt Francisci nach der Glaubhaftigkeit von Berichten über die Pygmäen. Sinnebald erwähnt die Zeugnisse der antiken Denker (Homer, Plinius etc.) und der Kirchenlehrer (wie z.B. Augustinus), die doch belegten, dass es solche Menschen gebe – und die vielleicht aus der Unzucht zwischen Mensch und Tier (Affen) entstanden. Der „Skeptiker“ Angelott hingegen hält die Existenz kleiner Menschen für gegeben, aber ganze Völker gebe es nicht. Sinnebald selbst zweifelt an den Aussagen etlicher Autoren wie z.B. Homer oder Plinius. (S. 341)

Bei Aristoteles und Augustinus, die von beiden hoch geschätzt werden, stellt Angelott trotzdem fest: „Dieser Männer hohes Ansehen (…) ehre ich jederzeit; aber wenn sie ihren Beyfall nicht auf eigne Erfahrung/sondern nur auf das gemeine Geschrey gründen; mögen mich ihre Meinungen hierinn nicht kräfftig gnug/zu einer Bestimmung/ verbinden.“ Angelott wünscht sich einen Bericht von Leuten, „denen die Pygmaeer selbsten ins Gesicht gekommen.“ Die eigene Erfahrung ist Francisci wichtig, nicht die Meinung der Autoritäten (S.342).

Im weiteren Verlauf stößt Sinnebald einen Gedanken an, ob es sich bei den Nationen kleiner Menschen eventuell um Tiere gehandelt haben könnte (S. 343). Auch hier werden zunächst alte Autoritäten angeführt: Strabon (antiker griechischer Geschichtsschreiber um die Zeitenwende), Photios (Patrirach und Heiliger der orthodoxen Kirche des 9. Jahrhunderts), Albertus Magnus (Kirchenlehrer, 13. Jahrhundert), Hieronymus Cardanus (Humanist, 16. Jahrhundert).

Ähnliche Geschichten und Schlussfolgerungen finden sich im übrigen bei Antonius Paullini in seiner Schrift „Curieuses Cabinet ausländischer und anderer Merckwürdigkeiten“ (1717) – manches erscheint nahezu abgeschrieben.

Johann Jacob Bräuner: Physicalisch- und Historisch-Erörterte Curiositæten; Oder: Entlarvter Teufflischer Aberglaube (1737)

Der in Frankfurt am Main praktizierende Arzt Johann Jacob Bräuner erwähnt in seiner Schrift die genannten Zeugnisse (Plinius, Herodot u.a.), bezeichnet die Geschichten aber als Fabeln. Bei neueren Berichten hingegen ist er vorsichtiger und lässt sie unkommentiert: „Auch heutiges Tages sollen in den Mitternächtigen Ländern die Lappen / Samajaden und andere kleine Leute seyn; und in den Nordischen Gegenden sollen die Schrelingers / nach Olai Magni Bericht, nur die Länge eines Schrittes haben.“

Georg Forster: Über die Pygmäen (1784)

„Ein Volk von Zwergen gab es nie“, schrieb 1784 der Naturforscher Georg Forster (1754-1794), der mit James Cook 1772-1775 um die Erde segelte, in seiner Schrift „Über die Pygmäen“ (S. 365). Forster geht zunächst die antiken Autoren durch, um schließlich zu diesem Urteil zu gelangen. Anschließend geht er auf die Argumente von Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts ein, die versucht hatten, die Pygmäen des Megasthenes (s.o.) mit Völkern im Norden (Lappländer, Grönländer) zu identifizieren.

Georg Forster sieht einen Zusammenhang zwischen den Versuchen, Homers Pygmäen zu erklären, und der ägyptischen „Götterlehre“ samt ihren „gottesdienstlichen Uebungen“ (S. 370). Er beruft sich dabei auf die Studien des niederländischen Historikers Cornelis de Pauw (1739-1799) und des reformierten Theologen und Orientalisten Paul Ernst Jablonski (1693-1757). Die alten Ägypter hätten die Natur personifiziert: auch die Höhe (16 Ellen) des Wassers des Nils, wenn er das Land zu bestimmten Zeiten überflutete und fruchtbar machte, die durch eine Gestalt mit 16 kleinen Jungen um sich herum versinnbildlicht wurde. Damit erklärt sich laut Forster auch die Geschichte der Kranichkämpfe. Die Pygmäen seien also nur eine Allegorie auf eine Naturbegebenheit.

Karl Friedrich Flögel: Geschichte der Hofnarren (1789)

Der Philosoph und Verfasser zahlreicher historischer Werke Karl Friedrich Flögel (1729-1788) schrieb zum Ende seines Lebens eine „Geschichte der Hofnarren“. Darin geht er auch auf die so genannten „Hofzwerge“ ein, kleinwüchsige Menschen, die z.T. als Kuriositäten oder „Sammlerobjekte“ an reichen Herrscherhöfen „gehalten“ wurden. Bevor Flögel darauf zu sprechen kommt, liefert er zunächst einen kleinen Rückblick auf die Geschichte der Zwerge und Pygmäen.

Flögel hält nichts von den antiken Geschichten um Pygmäen, Zwergennationen und Kranichkriege usw. Für ihn sind diese Berichte schlichtweg falsche Interpretationen: Gesehen hätten die Autoren nichts Anderes als Affen: „Daß alle diese vorgeblichen Nationen von Zwergen nichts anders als Affen gewesen, ist nun eine Wahrheit, daran Niemand zweifeln kann (,,,)“ (S. 503). Die Möglichkeit eines solchen Irrtums ist wird in mehreren Quellen erwähnt – und wie bei Flögel auf die Beschreibungen der Pygmäen zurückgeführt: die geringe Körpergröße und die starke Behaarung.

Glaubhaft erscheinen Flögel eher neuere Berichte über einzelne nordischer Völker, deren Angehörige eine relativ geringere Körpergröße hätten: zum Beispiel die Eskimos und die Lappen. „Das kleinste unter allen Völkern, was nur erst in diesem Jahrhunderte bekannt worden ist, wohnt auf den höchsten Gebirgen des Innern von Madagaskar.“ Kaum vier Fuß, also ca. 1,00 bis 1,30 Meter groß, seien sie, hätten eine etwas hellere Haut als die „neger“ und „ihre Gesichtsbildung kommt der europäischen näher“ (S. 504). Flögel bezieht sich hierbei v.a. auf die Naturgeschichte des französischen Forschers Georges-Louis Leclerc de Buffon (Bd. 6, S. 805 ff.), aus dessen Werk er einzelne Passagen fast wortgetreu übernimmt.

zum 2. Teil der kleinen Geschichte sehr kleiner Menschen I alle Teile der Geschichte


Weitere Informationen zum Thema „Pygmäen“

Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch. Diskurse der Grenzziehung und Grenzüberschreitung im Mittelalter (= Historische Semantik 5). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008.

Münkler, Marina: Die monstra in Konrads von Megenberg Buch der Natur. In: Konrad von Megenberg (1309-1374) und sein Werk. C.H.Beck. München 2006, S. 229-250.

Steinicke, Marion: Apokalyptische Heerscharen und Gottesknechte. Wundervölker des Ostens in abendländischer Tradition vom Untergang der Antike bis zur Entdeckung Amerikas. Inaugural-Dissertation. Berlin 2002. (Online lesbar auf der Website der Freien Universität Berlin.)