Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – Literatur

Ariès, Philippe: Geschichte des Todes, 4. Aufl. München 1989

Ariès, Philippe: Bilder zur Geschichte des Todes. München/Wien 1984

Boccachio: Dekameron. Übers. v. August Wilhelm Schlegel. Dortmund 1984

Choron, Jacques: Der Tod im abendländischen Denken. Stuttgart 1967

Gassen, Richard W.: Pest Endzeit und Revolution. Totentanzdarstellungen zwischen 1348 und 1848. In: Thema Totentanz. Kontinuität und Wandel einer Bildidee vom Mittelalter bis heute. Mannheim 1987

Harenberg Malerlexikon. 1000 Künstler-Biografien aus sieben Jahrhunderten. Hrsg. von Wieland Schmied, Walter Grasskamp, Andreas Franzke & Tillmann Buddensieg. 2004.

Lexikon der Heiligen. von Erhard Gorys. 2. Aufl. München 1998.

Lexikon für Theologie und Kirche. 2., neubearb. Aufl. Freiburg 1933

Mettken, Siegrid (Hrsg.): Die letzte Reise: Sterben, Tod und Trauersitten in Oberbayern. München 1984

Neher, Peter: Ars moriendi – Sterbebeistand durch Laien: eine historisch-pastoraltheologische Analyse. St. Ottilien 1989

Petersmann, Fran: Kirchen- und Sozialkritik in den Bildern des Todes von Hans Holbein d.J. Bielefeld 1983

RGG (Religion in Geschichte und Gegenwart). 3., völlig neubearbeitete Aufl. Tübingen 1958ff.

Jutta Seibert: Lexikon christlicher Kunst. Freiburg im Breisgau 2002.

TRE (Theologische Realenzyklopädie). Berlin/New York 1979ff.

Weigel, Helmut: „Mitten wir im Leben sind…“, Frömmigkeitsformen und Totenbrauch in vorindustrieller Zeit. In: Beiträge zur Stadtgeschichte 12 (1985), S. 215-259

Wiebel-Fanderl: Der Fegfeuer und Armenseelenkult. In: Mettken, Siegrid (Hrsg.): Die letzte Reise (s.o.)

Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – Nachwort

Die Menschen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit glaubten fest an ein Weiterleben nach dem Tod: an ein Weiterleben im Himmel oder in der Hölle.

Die Angst vor der ewigen Verdammnis und die Hoffnung auf ein himmlisches Paradies zog das Bestreben einer rechtzeitigen Buße nach sich. Sterbebücher und Todesallegorien ermahnten dazu, sich schon im Leben mit dem Tod auseinander zu setzen. Sie erinnerten an die Allgegenwart des Todes, der sich ohne Unterschied Arm und Reich, Jung und Alt, Frau und Mann bemächtigte. V.a. die Wichtigkeit der Todesstunde wird betont.

Zudem bestand nach den Lehren der Kirche noch ein Zustand zwischen Himmel und Hölle: das Fegefeuer. Gebete, Fürbitten und weitere „Werke“ sollten v.a. im katholischen Raum dazu dienen, den Gestorbenen die Leidenszeit der Läuterung zu verkürzen.

Im 16. Jahrhundert zeigte sich im Zuge der Reformation und des Humanismus eine Abwertung der Todesstunde und der Werkgerechtigkeit. Das gesamte Leben und die Gnade Gottes waren für die Art des Weiterlebens nach dem Tode entscheidend.

Trotzdem galt weiterhin auch in reformierten Gebieten: Gestorben wurde nicht einsam, sondern in Gegenwart von Verwandten, Freunden und Nachbarn – wenngleich so manche Notzeiten dies nicht zuließen.

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Anhang: Bilder zur Geschichte von Sterben, Tod und Jenseits

Stefan Lochner: Das Weltgericht, um 1435; Köln, Wallraff-Richartz-Museum

Stefan Lochner: Das Weltgericht, um 1435; Köln, Wallraff-Richartz-Museum; Quelle:  5555 Meisterwerke, CD-ROM, Digitale Galerie, 2001 (Directmedia)

Stefan Lochner: Das Weltgericht, um 1435; Köln, Wallraff-Richartz-Museum; Quelle: 5555 Meisterwerke, CD-ROM, Digitale Galerie, 2001 (Directmedia)

Das „Weltgericht“ gehört zu den Hauptwerken Lochners. Von der Struktur her aufgebaut nach einem fast gleichseitigen Dreieck, thront Christus an der Spitze. Er sitzt auf einem Regenbogen und hat die Füße auf einen zweiten Bogen gestellt – als Zeichen „des Zorns und der Gnade“ des alten und neuen Bundes, „Sintflut und Jüngstes Gericht“ symbolisierend (so 2002 auf der Website des Wallraff-Richartz-Museums, Köln). Die rechte Hand zeigt das Segenszeichen, die linke zeigt in Richtung der Verdammnis.

Als Fürbittende befinden sich unter ihm Maria und Johannes der Täufer. Zur Rechten Christi gehen die Guten durch das enge Tor ins Paradies, auf der anderen Seite befindet sich der Abgrund der Hölle.

Teuflische Wesen mit langen Hörnern, furchterregenden Fratzen (auch auf dem Bauch) und weit aufgerissenen Mäulern zerren die Seelen in den Abgrund (siehe Ausschnitt unten rechts). Sie schleifen die Seelen an den Füßen über den Boden oder führen sie an Ketten. Um einige Seelen kämpfen gute Engel und böse Monster – auf dem Boden oder hoch in den Lüften (siehe Ausschnitte unten Mitte und oben rechts).

Leben und Werk Stefan Lochners:

  • Anfang 15. Jh. geboren am Bodensee
  • in jungen Jahren wohl Aufenthalt bei Jan van Eyck (Niederlande) und Conrad von Soest (Westfalen)
  • ab 1442 wohnhaft in Köln
  • 1447 Ratsherr in Köln
  • um 1451 gest. in Köln

Stefan Lochner war der beühmteste Maler der Kölner Schule im Mittelalter. Er malte Andachts- und Altarbilder, widmete sich der Buchmalerei. „Körperlichkeit und Räumlichkeit“ in seinen Bildern künden die frühneuzeitliche Kunst an. „Vorherrschend sind jedoch der Bedeutungsmaßstab der Figuren, eine symbolische Bildgeometrie und ein hohes Maß an feinmalerischer Brillanz niederländischer Prägung.“ (Harenberg Malerlexikon, S. 618.

Neben dem „Weltgericht“ zählen folgende Bilder zu seinen Hauptwerken: der Dreikönigsaltar, auch Dombild genannt, um 1442 entstanden und heute im Kölner Dom zu bewundern; die „Muttergottes in der Rosenlaube“ (um 1450).

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Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – Nach dem Tod

Was erwartete den Menschen – seinen Körper, seine Seele – nun nach dem Tod?

Wenn der Tod eines Menschen nicht gerade in Zeiten des massenhaften Sterbens eintrat, vermochte der Glaube an ein Leben nach dem Tod und das Eingebundensein des Individuums in die Gesellschaft mitsamt seinen Riten und Traditionen den Tod leichter ertragbar zu machen.

Man starb, wie gesagt, nicht allein – Freunde, Nachbarn und Verwandte waren um das Bett versammelt, um dem Sterbenden beizustehen. Nach dem Dahinscheiden folgten das Einkleiden des Leichnams, Gebete, die Totenwache und das Begräbnis.

Und die Seele?

Im Laufe der Geschichte gab es bezüglich der Frage, was nach dem Tod der „sterblichen Hülle“ mit der Seele geschieht, unterschiedliche Auffassungen. Dies lag und liegt u.a. an den wiedersprüchlichen Aussagen der Heiligen Schriften. So lässt sich aus dem Matthäus-Evangelium (Matthäus 25) herauslesen, dass alle Menschenseelen nach ihrem Tod vor dem Richter Christus erscheinen und von ihm gerichtet werden: Die Guten (die Schafe) stellt er zu seiner Rechten, die Bösen (die Böcke) zu seiner Linken. Zwischen Gut und Böse gibt es nichts.

Das Weltgericht nach Johannes (Kap. 5) hingegen müssen die Guten nicht gerichtet werden: Sie gehen direkt vom Tod in das (neue) Leben über. Auf die Bösen wartet das Gericht. Damit dieses Gericht überhaupt Sinn macht, so folgerten die mittelalterlichen Theologen, besteht für die Bösen auch die Chance auf den Eingang in das himmlische Paradies. Zwischen den Guten und Bösen stehe demnach noch der „Halbgute“. (Jezler, Jenseitsmodelle, S. 15 f.)

Diese „Halbguten“ benötigen hingegen noch eine Reinigung. Diese erfolge im Fegefeuer, das im Gegensatz zu Himmel und Hölle ein endlicher Zustand sei. Nach Jacques Le Goff fand, trotz einiger Vorläufer, Ende des 12. Jahrhunderts die “Geburt des Fegefeuers” statt. Wie lange die Reinigung dauern sollte, hing nach Auffassung der Theologen von den begangenen Sünden ab – aber auch von den Gebeten und stellvertretenden Bußleistungen der (auf der Erde) Lebenden. Dadurch konnte die Leidenszeit der „armen Seelen“ verkürzt werden.

In der Ikonographie zeigte sich erst seit dem 17. Jahrhundert eine „explosionsartige Häufung der Purgatoriumsdarstellungen“, freilich v.a. in katholischen Ländern. (Wiebel-Fanderl, Fegefeuer- und Armenseelenkult, S. 243ff.) Gegen die mit der Lehre des Fegefeuers zusammenhängende Ablasspraxis formierte sich bekanntlich im Zuge der Reformation immer größerer Widerstand. So gab es im 18. Jahrhundert gar das Verbot, für die Toten zu beten. (Ariès, Geschichte des Todes, S. 587f.) Ein Anrecht auf den Himmel konnte man sich nach Ansicht der Reformatoren nicht erwerben – die unendliche Gnade Gottes war für das Eingehen ins Himmelreich zwingend erforderlich.

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Anhang: Bilder zur Geschichte von Sterben, Tod und Jenseits

Unbekannter: Ein Sterbender empfiehlt Gott seine Seele (aus einem Stundenbuch), 15. Jh.; Paris, Bibliothèque Nationale

5555 Meisterwerke, CD-ROM, Digitale Galerie, 2001

Unbekannter: Ein Sterbender empfiehlt Gott seine Seele (aus einem Stundenbuch), 15. Jh.; Paris, Bibliothèque Nationale, Quelle: 5555 Meisterwerke, CD-ROM, Digitale Galerie, 2001 (Directmedia)

An einem Ort des Todes liegt ein soeben Verstorbender, dessen Seele ausgefahren ist. Seine letzten Worte lauten: „Herr, in Deine Hände lege ich meine Seele.“

Eine teuflische Gestalt hat sich die Seele gepackt, doch mehrere Engel kämpfen noch um sie: Einer, wohl der Erzengel Michael, ist hält den Teufel an dessen Schopf und schwingt das Schwert. Im Hintergrund sind schemenhaft weitere Engel zu erkennen, die auf das „böse“ Wesen einstechen.

Recht unbeteiligt schaut Gott nicht auf den Kampf, sondern zur Erde hinab.

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Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – In der Realität…

…sah so manches freilich anders aus.

Die Zustände z.B. während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) ließen gute Ratschläge zu einem christlichen Tod in den Hintergrund treten.

Krieg, Hunger und Pest ließen geregelte Sterbefürsorge und Bestattungen kaum noch zu. Aus Angst, sich mit einer todbringenden Krankheit anzustecken (wenngleich Ansteckung etwas anders bedeutete als heute), suchte man die Sterbenden abzusondern, die Toten schnell aus der Stadt zu bringen und zu vergraben.

Die Armen konnten sich einen Pfarrer kaum leisten – wenn es überhaupt noch einen Geistlichen für die „letzte Ölung“ in der Stadt gab. Manche waren geflohen, andere weigerten sich, Krankenbesuche zu machen und etliche hatten auch selbst den Tod gefunden.

Tote wurden in Massengräber verscharrt, selbst Särge gedachte die Obrigkeit zu verbieten: Die Verwesung könnte so zu lange dauern. Und die schädlichen Dämpfe der Leichname um so länger die Luft verderben. Dort, wo es noch ein Zeremoniell gab – z.B. für die Reicheren – fiel es doch knapper aus, meist waren nur der Totengräber und seine Gehilfen zur Stelle. (Münch, Lebensformen, S. 484) Wenn überhaupt: „Ietzunder erhube sich ein solcher mangel an todtengräbern (dann derselben gar vil starben) das offt die haußgenossen, den verstorbenen selbert die gräber machen, vnnd die nachbarn einander haben hinauß tragen müssen“, heißt es in der Chronik des Ulmer Ratsherrn Joseph Furttenbach. Und so versicherte sich der Bürger der Hilfe seiner Freunde und Nachbarn, die ihn im Falle seines Todes ein annehmbares Begräbnis bereiten sollten.

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Anhang: Bilder zur Geschichte von Sterben, Tod und Jenseits

Mattia Preti: Entwurf für das Pest-Fresko, 1656; Neapel, Galleria Nazionale di Capodimonte

Mattia Preti: Entwurf für das Pest-Fresko, 1656; Neapel, Galleria Nazionale di Capodimonte; Quelle: Wikimedia Commons / The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.

Mattia Preti: Entwurf für das Pest-Fresko, 1656; Neapel, Galleria Nazionale di Capodimonte; Quelle: Wikimedia Commons / The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.

Beeinflusst von Michelangelo (1571-1610), von Paolo Veronese (1528-1588) und Pietro da Cortona (1596-1669) schuf Mattia Preti Bilder, die sich durch „kräftigen Malstil“, „farbiger Lichtwirkung“ und „realistischer Figurenauffassung“ (Harenberg Malerlexikon, S. 824) auszeichnete. So auch das Werk „Entwurf für das Pest-Fresko.

Es kann in drei vertikale Bereiche unterteilt werden: Oben steht mittig die Gottesmutter Maria, mit wehendem Gewand das Jesusbaby tragend. Links und rechts von ihr zeigen sich, betend und flehend zu ihr aufschauend, Geistliche und Maria Magdalena (?). Unter Maria ist der richtende Erzengel Michael zu sehen, der ebenfalls zu ihr hoch schaut. Unten schließlich sind die Toten, Sterbenden und einige Helfer.

Leben und Werk Mattia Pretis:

  • 1613 geb. in Taverna (Italien)
  • vor 1640 wohl Reisen nachBologna, Parma, Venedig und Modena
  • 1641 Beitritt zum Malteserorden
  • ab 1644 tätig in Modena
  • ab 1650 in Rom
  • ab 1653 in Neapel
  • ab 1661 als Cavaliere di garzia des Malteserordens auf Malta
  • 1699 gest. auf Malta

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Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – Vanitas: Alles ist vergänglich

Vanitas (lt.) heißt eigentlich Eitelkeit und meint in der Kunst die Darstellung der irdischen Vergänglichkeit.Totenschädel, Uhren, erlöschte Kerzen, blühende oder welkende Blumen finden sich auf diesen Bildern.

Ein großes Vanitas-Motiv ist auch die Gegenüberstellung von „junger Frau und Tod“, blühendes Leben und Verfall, „Eitelkeit der vergänglichen Jugend und Schönheit“ und Ende (Schuster, Der Tod, S. 20).

Doch hier tanzt, wie gesagt, keiner mehr. Vielmehr wird die junge Frau mehr oder weniger brutal von einem halbverwesten Toten überrascht, der sie küsst, ihr unter den Rock greift (siehe vorige Seite) oder sie an den Haaren in das Grab werfen will.

Die Gegenüberstellung von Tod und jungem Mädchen hat sicherlich nicht nur den Zweck, blühendes Leben und das Ende darzustellen. Vielfach ist hier auch eine deutlich erotische Komponente auszumachen – auch wenn Arthur E. Imhof aus „männlicher“ Sicht nachzuweisen sucht, dass der Tod auf dem Bild Baldungs (siehe rechts) zwar im Hintergrund agiert, aber trotzdem die Aufmerksamkeit des Betrachters eher auf sich zieht als der weibliche Akt. (Imhof, Tod, S. 41)

In den Bildern deutscher Künstler der Renaissance zum Thema „Tod und Mädchen“ mag die Darstellung einer nackten Frau nicht das „eigentliche Thema“ gewesen sein, aber immerhin ein Thema, das sich zudem vorzüglich zur Gegenüberstellung mit dem hässlichen Tod eignete.

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Anhang: Bilder zur Geschichte von Sterben, Tod und Jenseits

Hans Baldung: Der Tod und das Mädchen, 1517; Basel, Kunstmuseum

Hans Baldung: Der Tod und das Mädchen, 1517; Basel, Kunstmuseum; Quelle: Wikimedia Commons / The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.

Hans Baldung: Der Tod und das Mädchen, 1517; Basel, Kunstmuseum; Quelle: Wikimedia Commons / The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.

„Der Tod und das Mädchen“ zeigt den unbarmherzigen Tod, der trotz des händeringenden Flehens des Mädchens auf den Weg in den Abgrund zeigt. „HI MUST DU YN“, heißt es oben – und es gibt kein Entrinnen: An den Haaren zieht das halb verweste Skelett das Mächen. Es scheint zu wissen, dass es körperlich nicht gegen den Tod ankommt, nur das Flehen und ein verzweifelter Blick mit klagendem Mund bleiben ihr.

Interessant ist auch hier das Spiel der Hände: Die rechte Hand der teuflischen Gestalt zeigt mit schwörender Geste – oder ist es die Umkehrung der Segensgeste Christi? – auf den Abgrund (siehe Ausschnitt). Die Hände des Mädchens sind zum Gebet verschränkt, wobei Zeige- und kleiner Finger der linken Hand nach innen gehen. Welche Bedeutung dies hatte, vermag ich nicht zu beurteilen.

Arthur E. Imhof (Der Tod zur rechten Zeit, S. 41) bemerkt zu diesem Bild noch, dass hier alles auf denTod hindeute – es gebe keinen Ausweg mehr, keine Aussicht auf eine Auferstehung, so wie Baldungs gesamtes Werk „eine Brutalität und Hoffnungslosigkeit von Sterben und Tod“ ausdrücke.

Leben und Werk Hans Baldungs:

  • 1484/85 geb. in Schwäbisch Gmünd oder Weyersheim bei Straßburg
  • 1503 Eintritt in die Werkstatt Albrecht Dürers in Nürnberg
  • 1510 wird Baldung Meister in Straßburg; Heirat Margaretha Herlins
  • 1512-17 tätig in Freiburg/Breisgau, danach zurück nach Straßburg
  • 1545 gest. in Straßburg

Hans Baldung, einer der bekanntesten Schüler Albrecht Dürers schuf etliche religiöse, aber auch mythologische Bilder mit teilweise erotischen Motiven. Auch der Tod und Hexen waren immer wieder Themen seiner Darstellungen, die eine große Eigenständigkeit an den Tag legten.

Hans Baldung gilt als Begründer des deutschen Manierismus, der sich u.a. durch die fantastische, verzerrte, groteske Darstellung der Wirklichkeit auszeichnete. Seine Hinwendung zum Manierismus manifestierte sich zuerst in einer Darstellung des heiligen Stephanus, der gesteinigt wurde.

Baldungs Todes- und Hexenbilder beinhalten oftmals weibliche Akte mit starken sinnlichen Momenten. Zu den späten Werken Baldungs gehören v.a. die Allegorien über die Vergänglichkeit.

weiter: In der Realität …

Spätmittelalter und Frühe Neuzeit: Sterben, Tod und Jenseits – Totentänze

Etwa zur gleichen Zeit wie die Ars moriendi-Literatur entstanden die Totentänze, die in Text und Bild die Vergänglichkeit des Menschen, die Allgegenwart des Todes für Alt und Jung, Frau und Mann, Reich und Arm, Adelige, Geistliche, Bürger und Bauern darstellten. Der Tod verschonte keinen – das ist die Hauptaussage der Totentänze.

Der Totentanz stammt wohl aus Frankreich, den Anfang machte vielleicht 1424 der danse macabre am Friedhof der Unschuldigen Kinder in Paris. (Kaiser, Der tanzende Tod, S. 26)

Ein Toter, mehr oder minder verwest, tanzt um den (noch) Lebenden, fasst ihn an die Hand, um ihn mitzureissen. In vielen Fällen ist der Tote nackt, manchmal trägt er ein Leinentuch (siehe rechts) oder einen Umhang. Teilweise hat er einen aufgeschnittenen Bauch, in dem sich Schlangen winden. Der Tote spielt dabei z.T. ein Musikinstrument, hält eine Sanduhr als Zeichen der Vergänglichkeit in seiner Hand.

Vor allem im Spätmittelalter ist diese ursprüngliche Form des Totentanzes anzutreffen. Sie erlaubte, „den Schrecken des Todes in Wort und Bild zu fassen und dadurch zu beherrschen.“ (Ohler, Sterben und Tod, S. 268) Mitten im Leben erschien der Tod und zeigte sich übermächtig – dies mag auf die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts wiederholt auftretenden Pest hindeuten, die den Menschen plötzlich und unerwartet traf und tötete.

Doch die spätmittelalterlichen Totentänze und ihre Nachfolger in der Frühen Neuzeit besaßen noch einen anderen Zweck: Kritik an vermeintlich überkommenen Gesellschaftsstrukturen…

weiter: Alles ist vergänglich – Vanitas

Anhang: Bilder zur Geschichte von Sterben, Tod und Jenseits

Bernt Notke: Totentanz (Fragment, Ausschnitt), um 1463/66; Tallin, St. Nikolai

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Der Bildschnitzer und Maler Bernt Notke ist wahrscheinlich der Maler dieses Lübecker Totentanzes.

Weder König noch Geistlicher, weder Adeliger noch Bürger verschonte der Tod, der hier in Gestalt eines Skeletts musizierend und tanzend auftritt.

Leben und Werk Bernt Notkes:

  • um 1436 geb. in Lübeck
  • ab 1467 in Lübeck nachweisbar (Triumphkreuz im Lübecker Dom, 1477)
  • 1483 nach Schweden
  • ab 1498 wieder in Lübeck bezeugt. Hier unterhielt er eine Werkstatt
  • 1508 oder 1509 gest. in Lübeck

weiter: Alles ist vergänglich – Vanitas