Rezension: „Kolonialismus – Imperialismus – Dekolonisation. Mitteleuropa in globalen Kontexten (16. bis 20. Jahrhundert)“

Wie prägte Mitteleuropa über Jahrhunderte hinweg globale Macht- und Handelsstrukturen – und welche Spuren hinterließ dies bis heute? Diese Fragen stehen im Zentrum des von Markus A. Denzel und weiteren Herausgebern vorgelegten Sammelbands „Kolonialismus – Imperialismus – Dekolonisation. Mitteleuropa in globalen Kontexten (16. bis 20. Jahrhundert)“, der nun von Renate Pieper für H-Soz-Kult rezensiert wurde. Basierend auf den Ergebnissen zweier Fachkonferenzen versammelt der Band 16 Beiträge, die sich mit den vielfältigen Verstrickungen Mitteleuropas in kolonialen und imperialen Kontexten befassen – von den Handelsnetzwerken frühneuzeitlicher Kaufleute über Reiseberichte als Wissensquellen bis hin zu den gewaltsamen Nachwirkungen kolonialer Herrschaft.

Besonders bemerkenswert ist, laut Renate Pieper, der zeitliche und thematische Facettenreichtum: Statt sich auf das späte 19. Jahrhundert zu beschränken, wie es in der Forschung oft üblich ist, spannt der Band den Bogen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. So werden etwa die Aktivitäten Augsburger Händler im Pfefferhandel des 16. Jahrhunderts ebenso beleuchtet wie die Rolle preußischer Kaufleute in China oder die Erinnerungskultur deutscher Städte an ihre kolonialen Verstrickungen. Die Herausgeber vermeiden damit bewusst eine Engführung auf die klassische Phase des Hochimperialismus und zeigen stattdessen, wie tief die Wurzeln mitteleuropäischer Beteiligung an globalen Machtverhältnissen reichen.

Besonders hervorzuheben sind in den Augen der Rezensentin, die Analysen zu kolonialer Gewalt, materieller Kultur und den bis heute nachwirkenden Debatten um Restitution und Erinnerung. Der Band überzeugt durch seine breite Quellenbasis und die Vielfalt der untersuchten Akteure: Händler, Missionare, Gelehrte, Künstler und staatliche Institutionen werden als Teil eines komplexen Geflechts globaler Beziehungen sichtbar. Gleichzeitig wirft die Publikation die Frage auf, wie der Begriff „Kolonialismus“ selbst im mitteleuropäischen Kontext präziser gefasst werden kann – eine Debatte, die angesichts aktueller Diskussionen um postkoloniale Verantwortung und historische Aufarbeitung an Brisanz gewinnt. Wer sich für die weniger bekannten, aber nicht minder prägenden Seiten der deutschen und mitteleuropäischen Kolonialgeschichte interessiert, findet hier eine fundierte und anregende Lektüre.

zur Rezension von Renate Pieper auf der Website von H-Soz-Kult