„Wir müssen die alten protestantischen Meistererzählungen hinter uns lassen“
Interview mit dem evangelischen Theologen und Professor für Kirchengeschichte Volker Leppin über sein aktuelles Buch „Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung“
Sie haben Ihr Buch „Gottesspuren“ genannt, Untertitel „Das christliche Europa vor seiner Entzauberung“ – was genau meinen Sie mit „Gottesspuren“?
Volker Leppin: Der Kirchenvater Augustin sprach ja von den „vestigia trinitatis“, den Spuren der Trinität in der Seele des Menschen. Ich dehne den Begriff noch etwas aus: Vormoderne Menschen lebten in einer Welt voller Gottesgegenwart. Auch ohne Gott selbst zu sehen, fanden Sie seine Wirkungen in der Geschichte, in der Natur, in Menschen. Mich fasziniert diese Vorstellung einer Welt, die ständig offen war für diese Vorstellung göttlicher Einwirkung.
Historische Bücher über die Geschichte der Christenheit, der christlichen Kirchen, des christlichen Glaubens haben zumeist eine klare Zäsur: die Reformation. Ihr Werk wählt ein anderes Vorgehen. Wie sieht Ihre diesbezügliche Herangehensweise aus – und warum?
Volker Leppin: Der Gedanke, dass die Reformation den großen Bruch darstelle, stammt aus den großen protestantischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts. Er ist sehr deutsch verengt – natürlich hat die Reformation in der Geschichte des deutschen Reiches eine Menge geändert. Aber religionsgeschichtlich ist der Einschnitt viel geringer als der, den die Aufklärung gesetzt hat. Auch Martin Luther konnte davon erzählen, dass ihm der Teufel in Gestalt eines Hundes begegnete, und dass die Welt voller Wirkungen Gottes war, war für Katholiken wie Protestanten noch bis ins 18. Jahrhundert selbstverständlich. Wir müssen die alten protestantischen Meistererzählungen hinter uns lassen.
Sie selbst betreiben einen Kanal bei Instagram. Zwar gibt es bei Instagram allgemein auch ausführlichere Beiträge, aber Social Media lebt eher davon, Dinge auf den Punkt zu bringen – positiv ausgedrückt. Negativ ausgedrückt: Viele Beiträge durchdringen oftmals kaum die Oberfläche. Worin liegt in Ihren Augen der Wert für die Leserinnen und Leser, sich mit einem über 650 Seiten starken Buch über Gottesspuren zu informieren? Und ergänzend: Welche Aktualität hat das Thema „Gottesspuren“?
Volker Leppin: 650 Seiten sind auch eine Zumutung, das gebe ich zu. Aber Albrecht Grözinger (Link siehe unten) hat in einer Rezension das Buch einen Schmöker genannt. Da fühle ich mich gut verstanden. In einen Schmöker vertiefe ich mich. Ich bleibe mal hängen, lese mal schneller und lasse die Gesamtheit auf mich wirken. So ist dieses Buch gedacht. Es redet ja über ein Europa vor der Entzauberung – und es erinnert an vieles was be- und vielleicht auch verzaubernd ist. Es ist eine Geschichte voller Geschichten aus einer anderen Wirklichkeit – und zugleich einer Wirklichkeit, die uns auf ganz andere Weise begegnet.
Jürgen Habermas hat beobachtet, dass Religion in unserer globalen Kultur neu als Macht und Kraft begegnet. Sie ist in den Kulturen, die Europa unterdrückt und kolonialisiert hat, sehr präsent, als eine andere Art von Wirklichkeitswahrnehmung. Mein Eindruck ist: Das aufgeklärte Europa hat auch seine eigene religiöse Vergangenheit kräftig verdrängt. Wenn wir sie wieder wahrnehmen und verstehen, werden wir auch in unserer vielfältigen postkolonialen Welt gesprächsfähiger.
Informationen zum Buch
Volker Leppin: Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Verlag Herder, 1. Auflage 2026, 656 Seiten, 38,- EUR (als E-Book 27,99 EUR)
Ein erster Eindruck
Das gut 650 Seiten starke Buch von Volker Leppin macht bereits in seinem zweiten Untertitel darauf aufmerksam, dass die Entzauberung des Religiösen erst mit der Aufklärung stattfand. Die Reformation brach mit vielen Traditionen und Grundsätzen, brachte viel Neues hervor – seinen Glanz verloren hatte Gott in den Augen der Menschen im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht.
Vor der Aufklärung hatte Europa laut Leppin etwas Zauberhaftes inne, das er „wieder zu Gehör bringen“ möchte: ein Bewusstsein, „das Momente der Heiligkeit in der Welt sehen konnte, das Bewusstsein, in dem der Mensch sich in dieser Welt immer auf ein anderes, Göttliches bezog“ (Vorwort, S. 13). Von diesem Punkt ausgehend wird dann auch klar, dass der Autor keine Erfolgsgeschichte des menschlichen Schauens, Erlebens und Staunens schreiben wollte, mit der Conclusio: Zum Glück hat die Aufklärung das Alte weggewischt oder zumindest eingegrenzt und die Vernunft an die erste Stelle gesetzt. Gleichzeitig betont Leppin, dass er jener Vormoderne auch nicht nachweine. Das Anliegen dieses Buches beschreibt er folgendermaßen:
„Anderen Kulturen – denen, die jenseits Europas gewachsen sind, und jenen, die in Europa gewachsen, hier aber verschüttet worden sind – nicht mit belehrendem Zeigefinger zu begegnen (…).“
Aus diesem Vorsatz ist ein „Schmöker“ über den geschichtlichen Gott entstanden: sein Wirken in der Natur, sein Sprechen über die biblischen Schriften, sein Weilen unter den Menschen, seine heiligen Orte und sein „Sein“ im Menschen – ausführlich geschrieben, schön bebildert (zwei Farbbögen mit zahlreichen farbige Abbildungen) und daher mit 38,- EUR kaum als „teuer“ zu bezeichnen.
Medienbeiträge zu Leppins „Gottesspuren“: Rezensionen, Interviews und mehr
Rezension von Albrecht Grözinger
Auf der Seite der „Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz“ hat der emeritierte Theologieprofessor Albrecht Grözinger eine Rezension verfasst und kommt zu dem begeisterten Schluss, dass er „das Buch belehrt, bereichert und auch mit neuen Fragen aus der Hand“ gelegt habe und stellt es auf eine Stufe mit Jacob Burckhardts Buch über die Renaissance sowie mit dem „Herbst des Mittelalters“ von Johan Huizinga.
Interview in der Evangelischen Zeitung
Marcus Mockler fragt Volker Leppin nach der Entzauberung durch die Aufklärung, um recht schnell auf unsere Zeit zu sprechen zu kommen – und fragt, was uns heute die Erkenntnis über die vormoderne Religiosität nutzt und: „Wie sollte dann eine säkulare Gesellschaft mit ihrem Erbe umgehen?“
Vortrag von Volker Leppin
Noch vor der Veröffentlichung des Buches hat Volker Leppin im Februar 2026 an der Theologischen Hochschule Reutlingen einen Vortrag zu dem Thema seines Werks gehalten. Die Einführung beginnt ungefähr bei Minute 12:00, es folgt eine Vorstellung Leppins und bei 19:00 min beginnt der Vortrag Leppins.
Weitere Beiträge werden an dieser Stelle nach und nach ergänzt!
