Wie die katholische Kirche im Frankreich des 17. Jahrhunderts Frauen durch geistliche Lieder zu prägen suchte

Elisabeth Natour von der Universität Mainz rezensiert in H-Soz-Kult die Studie „Catholicism as Musical Discourse“ der Musikwissenschaftlerin Catherine E. Gordon. Die Professorin vom Providence College (Rhode Island) untersucht darin, wie französische geistliche Lieder des 17. Jahrhunderts nicht nur theologische Debatten widerspiegelten, sondern gezielt Frauen als Sängerinnen und Adressatinnen ansprachen – und so zu einem Werkzeug konfessioneller Disziplinierung wurden.

Gordon analysiert, wie sich die Sammlungen dieser Lieder über das „lange 17. Jahrhundert“ hinweg veränderten: von der Abwehr protestantischer Lehren über die Bekämpfung libertinärer Strömungen bis hin zur Förderung weiblicher Frömmigkeit im privaten Raum. Besonders innovativ ist ihre These, dass die Kompositionen vor allem auf die weibliche Stimme zugeschnitten waren – sei es in Mädchenschulen, Salons oder höfischen Kreisen. Die Autorin zeigt, wie Melodien und Texte bewusst gewählt wurden, um Glaubensinhalte über die Sinne zu verankern und moralische Alternativen zu weltlicher Musik zu bieten.

Dabei verbindet Gordon musikwissenschaftliche Analysen mit theologischen und soziologischen Perspektiven. Sie macht deutlich, dass die Lieder nicht nur liturgische Funktionen hatten, sondern als „heilige Gesänge“ im Alltag wirken sollten. Besonders spannend ist ihre Beobachtung, wie sich die Musik gegen Ende des Jahrhunderts zum Statussymbol frommer Lebensführung entwickelte – etwa unter dem Einfluss der Dévotes, einer Bewegung frommer Adliger um Madame de Maintenon.

Natour lobt Gordons interdisziplinären Ansatz, der auch Nicht-Musikwissenschaftlern den Zugang erleichtert. Offene Fragen bleiben jedoch: Wie stark steuerte die Kirche diesen Diskurs tatsächlich? Und wie sah der konfessionsübergreifende Vergleich aus? Dennoch beweist die Studie, wie wertvoll musikalische Quellen für das Verständnis historischer Macht- und Geschlechterverhältnisse sind.

zur Rezension von Elisabeth Natour auf H-Soz-Kult

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