„Über der ganzen Gesellschaft lastete die Angst wie eine Dunstglocke.“
Eine Rezension des Buchs „Hexen vor Gericht“ von Kai Lehmann

Buch „Hexen vor Gericht“ von Dr. Kai Lehmann; Bild: Michael Schnell
Die Hexenverfolgungen, bei denen allein im (heutigen) deutschen Raum über 30 000 Prozesse geführt wurden und über 20 000 Menschen (davon ca. 80 Prozent Frauen) getötet wurden, sind kein Teil des „dunklen Mittelalters“, sondern fanden in einer Zeit statt, die wir heute als Neuzeit betiteln: der Frühen Neuzeit (16. bis 18. Jahrhundert), genauer: von ca. 1570 bis 1680.
Nahezu alle Menschen im 16. und 17. Jahrhundert – von der einfachen Familie auf dem Land über den Stadtbewohner bis zu den Gelehrten (Theologen, Mediziner, Philosophen, Landesherren) – waren fest davon überzeugt, dass Magie, Zauberei und Hexerei real existierten. Und sie gingen dementsprechend auch gemeinsam gegen die Leute vor, die „offenbar“ ihre magischen Fähigkeiten zum Schaden anderer Menschen einsetzten.
Warum aber geschah dies gerade in dieser Zeit, obwohl es solche Ansichten auch schon früher existierten? Dr. Kai Lehmann, Historiker und Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, geht dieser Frage in seinem Buch „Hexen vor Gericht. Krisen, Angst und Massenmedien“ nach – auf zwei Ebenen: Im ersten Hauptteil „Was steckt hinter den Anklagen?“ hat Lehmann eine Großzahl von Einzelfällen untersucht, indem er die Motive der Anklage, der Ankläger und derjenigen, die eine erste Beschuldigung gegen jemanden vorbrachten, in den Mittelpunkt stellt. In einem zweiten Hauptteil („Klimawandel und neue Medienbefeuern die Hexenverfolgung“) weitet er die Sicht aus auf die allgemeinen Bedingungen, unter denen die Menschen damals lebten. Lehmann hält dabei zwei Faktoren fest, die mit zur Ausbreitung eines „Hexenwahns“ mit massenhafter Verfolgung und Tötung mutmaßlicher Verbrecher beigetragen haben:
- Das Klima (die sogenannte „Kleine Eiszeit“) mit all seinen Auswirkungen auf die Landwirtschaft, auf die davon abhängige Wirtschaft insgesamt und auf das daraus resultierende soziale Leben – schlechte Ernten, Hunger, vermehrt auftretende Krankheiten und Seuchen und mehr.
- Die die seit der Reformation stark genutzten neuen Medien: Flugschriften und Flugblätter, ja sogar Hexenzeitungen verbreiteten die Nachrichten von den angeblichen Untaten einzelner Menschen, die vereint waren in einem Bündnis mit dem Teufel.
Aus dieser Gemengelage entstand ein Klima der Angst: „Über der ganzen Gesellschaft lastete die Angst wie eine Dunstglocke.“ (Lehmann: Hexen vor Gericht, 2026, S. 392)
„Hexen vor Gericht“ ist ein sehr gut lesbares Buch, das dem Lesenden den Einstieg in die Hexen-Forschung leicht macht. Neben den zwei erwähnten Hauptkapiteln liefert der Autor Kai Lehmann eine spannende Hinführung, indem er erklärt, wie die Ansichten über Hexen und Hexerei überhaupt entstanden und wie sie sich in den Köpfen nahezu aller Personen festsetzten. Erklärt wird zudem ausführlich, wie ein Prozess inklusive der Folter ablief. Weniger Lesefreudige finden in diesem Kapitel und in dem Resümee am Ende des Buches eine wirklich gute Zusammenfassung des Themas „Hexen und Hexerei“.
Wer sich tiefer informieren möchte, kann die vielen Fallbeispiele lesen, die oftmals allerdings ein kräftiges Durchatmen erfordern: Es sind oft schreckliche Schicksale, die durch merkwürdig anmutende Anschuldigungen ausgelöst werden – und mittels Folter finden diese Bestätigung und bedeuteten in vielen Fällen den Tod.
Die Beispiele sind nach Themen sortiert, zum Beispiel unerklärliche Krankheiten, Viehseuchen, Fremdenfeindlichkeit, Druck von unten sowie herrschaftliche Machtdemonstration. Lehmann geht in einem Kapitel auch auf die Behauptung ein, die Hexenverfolgung sei vornehmlich eine „Vernichtung der weisen Frauen“ gewesen, um heidnisch-germanisches Heilwissen auszuradieren.
Auch das Kapitel über das Klima und die Medien vermag zu überzeugen. Laumann berichtet von zugefrorenen Seen und Flüssen, von schlechten Ernten und den Folgen, die sich daraus ergaben. Mit vielen Beispielen zeigt er zudem auf, wie sich bestimmte Ansichten, Nachrichten über die Untaten der Hexen und Hexer und über die Prozesse verbreiten.
Ein überzeugendes, gut lesbares und daher sehr empfehlenswertes Buch!
