„Alle Fälle sind schrecklich, hinter allen steckt eine dramatische Geschichte.“

Ein Interview mit Dr. Kai Lehmann anlässlich seines aktuellen Buchs „Hexen vor Gericht. Krisen, Angst und Massenmedien“

Sie sind Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg und Direktor der Museen im Zweckverband Kultur des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Was war der Grund oder Auslöser, ein Buch über Hexen, Hexenwesen und Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit zu schreiben?

Dr. Kai Lehmann: Das ist eine längere Geschichte. Ich saß im Jahr 2008 wegen einer ganz anderen Geschichte im hessischen Staatsarchiv Marburg. Als ich das entsprechende Findbuch durchging, fiel mir eine Akte ins Auge, die einen Hexenprozess aus der Umgebung von Schmalkalden zum Inhalt hatte. Ich ließ mir die Akte kommen und staunte nicht schlecht: Da argumentierten die Verantwortlichen mit Martin Luther um das Leben einer Frau zu retten. Mein Staunen resultierte daher, weil Luther ja heute immer als der große Hexenjäger durch die Literatur „getrieben“ wird. Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich auf den „leisen“ Luther, der in seine Argumentation Bremsen einbaute, die es gar nicht erst zum Hexenprozess – zumindest nicht zum Massenprozess – haben kommen lassen.

Damals lief gerade im Hinblick auf das große Jubiläumsjahr der Reformation die sogenannte Reformationsdekade und ich beschloss eine Ausstellung mit dem Titel „Luther und die Hexen“ zu machen, bei der dieser Fall im Mittelpunkt stehen sollte.

Als Frühneuzeithistoriker „stolpert“ man immer wieder über das Thema, aber bei meinen weiteren Recherchen zur geplanten Ausstellung wurde mir erstmals bewusst, welches dramatische Ausmaß die Hexenverfolgungen in meiner Südthüringer Heimat angenommen hatten. Die Ausstellung wurde ein riesiger Erfolg, dennoch ließ mich das Thema nicht mehr los und ein kleines, personell stets wechselndes Team und ich begannen, sämtliche (alte und neue) Literatur zum Thema Hexenverfolgung zusammenzutragen. Ziel war es, die einzelnen Opfer und deren Herkunftsorte einzusammeln und zu erfassen. So entstand eine große Datenbank, die (wenn die entsprechenden Fördergelder genehmigt werden) im kommenden Jahr 2027 erstmals in einer großen Ausstellung in Schmalkalden veröffentlich werden soll. Das Buch ist quasi der Vorgriff auf das geplante Ausstellungsvorhaben.

Im Vorwort schreiben Sie, dass Hexerei für fast alle Menschen damals Realität war – welche Faktoren sehen Sie als entscheidend an, dass gerade zwischen ca. 1580 und 1640 die meisten Verfolgungen im heutigen bundesdeutschen Raum zu verzeichnen waren?

Vermeintlich unerklärliche Krankheiten, scheinbar aus dem Nichts kommende Viehseuchen, plötzliche Todesfälle, die hohe Kindersterblichkeit, menschliche Untugenden wie Rache, Neid, Habgier und Missgunst gab es auch in früheren Jahrhunderten; deswegen ist Ihre Frage nach dem „Warum ausgerechnet jetzt?“ vollkommen berechtigt. Meiner Meinung nach sind es vor allem zwei Faktoren, die hier eine besondere Rolle spielen: das sich verschlechternde Klima und das Aufkommen von Massenmedien wie etwa Flugschriften und -blätter. Die mittelalterliche Warmphase wird langsam abgelöst durch die sogenannte „Kleine Eiszeit“, deren negative Folgen ab ca. 1560/70 überall in Mitteleuropa spürbar wurden. „Kleine Eiszeit“ heißt, dass die Sommer kühler und feuchter, die Winter länger und rauer wurden.

Was das für eine landwirtschaftlich dominierte Zeit für Auswirkungen hatte, brauche ich niemanden zu erzählen. Frosteinbrüche im Mai und Juni vernichteten die Ernten. Der Bodensee fror deutlich häufiger als vorher vollständig zu. Niederländische Maler griffen in ihren Gemälden die für sie ungewohnte Winterlandschaften als Motive auf. Das Gemälde „Eisvergnügen“ von Hendrick Avercamp zeigt einen zugefrorenen Kanal in den Niederlanden im kalten Winter von 1608. Künstlerische Illustrationen mit zugefroren Grachten in den Niederlanden existieren nur für die Zeit von 1565 bis 1670; und dieser zeitliche Abschnitt fällt genau in einen der kältesten Höhepunkte der Kleinen Eiszeit.

Wie erwähnt: Missernten häuften sich. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis; zwangsläufig kam es zur Verteuerung der landwirtschaftlichen Produkte. Stiegen die Getreide- oder Weinpreise stark an, so waren die Bewohner vornehmlich der Städte gezwungen, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben. Infolgedessen – das Geld kann nur einmal ausgegeben werden – sank die Nachfrage nach handwerklichen Produkten und Dienstleistungen, was wiederum Auswirkungen auf Produktion und Handel hatte. Die Wirtschaft beginnt in eine Schieflage zu geraten; wir sprechen heute von Rezession.

Parallel führte die Verteuerung von landwirtschaftlichen Produkten und den daraus gewonnenen Lebensmitteln speziell bei den mittleren und unteren sozialen Schichten zu Mangelernährung. Mann und Frau konnten sich Lebensmittel nur noch in geringen Mengen und minderwertiger Qualität leisten. Hunger wurde nicht selten zum ständigen Begleiter. Dauerhafte wie temporäre Mangelernährung schwächt aber Immunsystem und Körperkräfte. Der Mensch wird so empfänglicher für Krankheiten aller Art, auch für Seuchen und epidemische Infektionskrankheiten. Es war sozusagen ein unerklärlicher Teufelskreis.

Wer war schuld an dem aus dem Fugen geratenen Wetter und der daraus resultierenden Folgen? Die Antworten lieferten die oft bebilderten Flugschriften und -blätter. Die Druckerpresse hatte ihre universelle Macht bereits hinsichtlich der Reformation eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Jetzt schilderten sie, dass jedes Tabu brechende Treiben der teuflischen Hexensekte zuzuschreiben sei. Auf abschreckenden, noch heute verstörenden Holzschnitten und nicht minder in drastisch schildernden Texten konnten Frau und Mann das gottlose Hexenwerk erkennen. Die Masse gierte nach diesen Sensationsmeldungen – auch die über die Hinrichtungen – und der Markt, sprich die im Entstehen befindlichen Massenmedien bedienten sie. Hexenverfolgung wurde so zu dem kommunikativen Top-Thema der damaligen Zeit.

Sie schildern zu verschiedenen Themen, die hinter den Anklagen stehen, viele einzelne Geschichten. Gibt es einzelne Vorkommnisse, die sie besonders überrascht oder auch besonders berührt haben? Wenn ja, welche?

Alle Fälle sind schrecklich, hinter allen steckt eine dramatische Geschichte. Die Haft war der Vorhof zur Hölle. Unter den unmenschlichsten und schlimmsten Schmerzen der Folter wurden Menschen zu dem gemacht, was sie gar nicht waren – und dann werden sie, unter oft tausenden von gaffenden Augenpaaren, bestialisch hingerichtet. Hinter nicht wenigen Schicksalen – einige davon beschreibe ich in dem Buch – steckt bereits vor dem Prozess ein schlimmes Leben, etwa durch brutale Gewalt in der Ehe oder ein ausgestoßenes Leben auf der Straße. Überrascht hat mich aber dennoch die Tatsache, dass sich die Fallzahlen in den katholischen Gebieten in etwa die Waage halten zu denen in protestantischen Territorien.

Gibt es bestimmte Motive hinter den Beschuldigungen und Anklagen, die zahlenmäßig deutlich häufiger zu beobachten sind als andere?

Monokausale Motive gibt es nicht. Immer wieder taucht der Vorwurf der Kindstötung durch Hexerei auf. Auch das „Lahmmachen“ durch Hexerei – wir können es uns heute durch einen Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall erklären – kommt immer wieder als Beschuldigung vor. Ebenso wie Viehsterben, Wettermachen, zauberischer Giftmord. Die Palette der Vorwürfe ist groß. Frau und Mann suchten die Sündenböcke, die Schuldigen für ihr Unglück und die Widrigkeiten; und sie forderten ihre Obrigkeiten zum Teil sehr rigoros auf, die Hexen zu jagen und zu fangen.

Wo Obrigkeiten diesem Druck von unten, dem Druck aus der Bevölkerung nachgaben oder sogar Hand in Hand agierten, konnte es zu wahren Verfolgungsexzessen kommen. Obrigkeiten nutzten zum Teil aber auch Prozesse zur herrschaftlichen Machtdemonstration aus. Manche wollten mittels Verfolgungen Karriere machen, andere wollten sich bereichern. Motivlagen gab es genug. Einzig gleich: Die Opfer waren Dingen ausgesetzt, die heute ob ihrer Grausamkeiten schwer vorstellbar sind.

Planen Sie weitere Projekte rund um das Thema Hexenwesen und Hexenverfolgungen? Welche Forschungsdesiderate gibt es noch in diesem Bereich?

Siehe Antwort auf Frage 1. Ein Forschungsdesiderat – neben einigen territorialen – ist vor allem die Beantwortung der Frage: Warum unterscheiden sich die Konfessionen in der unterschiedlichen Geschlechterverteilung der Opfer? Während wir in den protestantischen Gebieten einen weiblichen Opferanteil von 85 Prozent und mehr haben, lag der männliche Opferanteil in den katholischen Territorien bei rund einem Viertel. War Luther schuld, der die entsprechende Stelle im 2. Buch Mose mit „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen!“ übersetzte? Und damit schließt sich der fragende Kreis zur Antwort auf die erste Frage.

Vielen Dank für das Interview!