Geschichte der Reformation

Johannes Calvin und die Geschichte des Calvinismus

Calvins Weg zur Reformation, seine Aufenthalte in Genf, seine Ideen und Werke – und die Ausbreitung der reformierten Kirche in Europa

Ville de Genève et sa situation 1552 (Wikimedia commons, public domain)

Ville de Genève et sa situation 1552 (Wikimedia commons, public domain)

Als Johannes Calvin 1541 nach Genf kam, bot sich ihm eine zweite Chance zur Umsetzung seiner Vision einer „communio sanctorum“, der „Gemeinschaft der Heiligen“. Drei Jahre zuvor hatten die Mitglieder des Stadtrats den Reformator verbannt: Seine Forderungen nach Disziplin und Sittenzucht waren ihnen zu hoch. Doch nun, nach einem politischen Machtwechsel und gestützt durch das reformierte Bündnis mit Bern, stellte sich die Lage anders da. Dieser Artikel beleuchtet Calvins Wirken in Genf. In einem zweiten Teil geht es um die Ausbreitung des reformierten Glaubens in Europa.

Verbündete Calvins hatten ihn gerufen und um eine Rückkehr nach Genf gebeten. Die reformierte Bewegung hatte nun bereits größeren Zuspruch erhalten und auch der Rat der Stadt war mittlerweile bereit, sich mit den Ideen Calvins, der direkt eine Kirchenordnung für Genf verfasst und mitgebracht hatte, auseinanderzusetzen. Calvin musste Kompromisse eingehen, die jedoch weiterhin „eine Quelle stetiger Auseinandersetzungen“ blieben (Kaufmann: Erlöste und Verdammte, 2016, S. 234).

Doch wer war Calvin eigentlich, woher kam er, welche Bildung hatte er genossen?

Calvins Weg zur Reformation

Der junge Johannes Calvin, Öl auf Holz (16. Jahrhundert), Eigentümerin: Wallonisch-Niederländische Gemeinde Hanau (Wikimedia commons, public domain)

Niederländische Gemeinde Hanau (Wikimedia commons, public domain)

Johannes Calvin wurde 1509 als Jean Cauvin in Noyon geboren, etwa auf halber Strecke zwischen Amiens und Reims. In Paris studierte er die Freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), in Orléans und Bourges Rechtswissenschaften. Sein theologisches Wissen eignete er sich allerdings im Selbststudium an (s. Iserloh: Geschichte und Theologie der Reformation, 1980, S. 139). Prägend war auch die Begegnung mit dem Humanisten Melchior Volmar (1497–1560), der ihm nicht nur die altgriechische Sprache vermittelte, sondern ihn auch mit humanistischem Gedankengut vertraut machte.

Zurück in Paris vertiefte Calvin ab 1531 seine humanistischen Studien, las jedoch auch die reformatorischen Schriften von Martin Luther. Um 1533/34 vollzog er schließlich den Bruch mit der katholischen Kirche und wandte sich der Reformation zu.

Frankreichs König Franz I. (1494–1547), der Ritterkönig genannt, verfolgte bezüglich der reformatorischen Bewegungen keine klare Linie: Einerseits förderte einzelne Reformer, andererseits ging er mit Gewalt gegen die reformatorische Bewegung vor. Volker Leppin erklärt dies folgendermaßen: „Am ehesten ist die Haltung des Königs wohl so zu verstehen, dass er die reformatorische Bewegung dann unterstützte, wenn sie sich auf gelehrter Ebene bewegte und letztlich als eine bestimmte Ausprägung des Humanismus verstehbar war, dass er sich aber strikt gegen Veränderungen im allgemeinen religiösen Leben seiner Untertanen wandte.“ (Leppin: Reformation, 2017, S. 102)

Zitat: „Calvin war der geborene Menschenführer. Von ungewöhnlich starker religiöser Ausstrahlungskraft, zog er viele Menschen in seinen Bann.“ (Erwin Iserloh)

1534 fanden sich in verschiedenen französischen Städten Flugblätter an vielen Stellen angeschlagen, auf denen die Messe und der Klerus scharf angegriffen wurden. „Die Flugblätter waren bis an die Schlafzimmertür des königlichen Schlosses in Amboise, ja bis unter jene Tasse, in der der Monarch sein Schnupftuch abzulegen pflegte, vorgedrungen.“ (Kaufmann: Erlöste und Verdammte, 2016, S. 226) Der König reagierte mit großer Härte: Sechs Hinrichtungen ließ er vollstrecken, viele junge Intellektuelle flohen – so auch Johannes Calvin. Sein Weg führte nach Basel. Dort schrieb er seine erste Fassung der „Institutio Christianae Religionis“, also ein Unterricht oder eine Unterweisung in der christlichen Religion. Die Schrift lehnte sich noch stark an die Lutherischen Katechismen an. Die letzte Ausgabe von 1559 sollte einen eigenständigen Weg einschlagen – dazu später mehr.

Calvins erster Aufenthalt in Genf 1536–1538

Guillaume Farel; aus: Lukas Vischer et al., Ökumenische Kirchengeschichte der Schweiz, Fribourg / Basle 1994, p. 123 (Wikimedia commons, public domain)

Guillaume Farel; aus: Lukas Vischer et al., Ökumenische Kirchengeschichte der Schweiz, Fribourg / Basle 1994, p. 123 (Wikimedia commons, public domain)

1536 machte Calvin, bei einem Aufenthalt in Genf, die Bekanntschaft mit Guillaume Farel. Farel war Professor für Philosophie und Grammatik am Collège Cardinal Lemoine in Paris. Schon früh, um 1520, wandte er sich vom Katholizismus ab und begann, die reformatorische Lehre zu verbreiten – mit Anfängen zunächst in Paris, später in Meaux, wo er wegen seines endgültigen Bruchs mit der römischen Kirche vertrieben wurde. Nachfolgend begab er sich nach Straßburg, Zürich, Bern, Basel, Metz. Bevor er ab 1532/33 in Genf wirkte, half er einigen weiteren Städten bei der Einführung der Reformation.

Als Calvin nach Genf kam, hatte Farel dort bereits die Reformation eingeführt. Er konnte den Stadtrat bei einem Religionsgespräch Anfang 1534 von der reformatorischen Lehre überzeugen und benötigte nun taugliche Leute für die Umsetzung. Im August 1535 nahm der Rat die Reformation an. Nach seinem Entschluss, in Genf zu bleiben, entwarf Calvin schon bald eine Gemeindeordnung – denn noch, so Calvin, ging in der Stadt „alles drunter und drüber“ (Iserloh: Geschichte und Theologie der Reformation, 1980, S. 140).

Warum Calvin nur zwei Jahre bleib, wurde oben bereits erklärt. Über die Hintergründe dazu schreibt Michael Maurer: „In der Frage der Kirchenzucht tritt am ehesten heraus, was für Calvin und den Calvinismus spezifisch ist. Es geht nämlich um die Vorstellung, es sei möglich, schon auf Erden eine ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ herbeizuführen, und um den Ordnungsrahmen der Stadt als bürgerlicher Schwurgemeinde, der mit dieser ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ virtuell kongruent gesehen wird. Aber der Genfer Rat wollte keine solche Kirchenzucht unter Aufsicht der Geistlichen. Doch in dieser Frage blieb Calvin unbeugsam.“ (Konfessionskulturen, 2019, S. 28 f.)

Zitat:

Der Begriff „Calvinismus“

An dieser Stelle sei ein kleiner Einschub erlaubt: Wie Thomas Kaufmann in „Erlöste und Verdammte“ (S. 243) darlegt, handelt es sich beim Begriff „Calvinismus“ ursprünglich um einen polemischen Kampfbegriff der Lutheraner. Er verfehle, so Kaufmann, gleich in zweifacher Hinsicht die historische Realität: Einerseits lasse sich die Lehre der reformierten Kirchen nicht auf die Theologie einer einzelnen Person reduzieren. Zweitens stehe der Begriff im Widerspruch zum grundsätzlichen Misstrauen des reformierten Protestantismus gegenüber jedem Personenkult. Dennoch hat sich der Terminus in der Forschung so weit etabliert, dass er hier – in Kenntnis dieser Einwände – parallel zu Formulierungen wie „reformierte Kirche“ oder „reformierter Protestantismus“ verwendet wird.

Calvins zweiter Aufenthalt in Genf ab 1541

Deckblatt der Schrift Les Ordonnances ecclesiastiques de l'eglise de Geneve von Jean Calvin, 1562 (Google Books)

Deckblatt der Schrift „Les Ordonnances ecclesiastiques de l’eglise de Geneve“ von
Jean Calvin, 1562 (Google Books)

1541 hatte sich die politische Konstellation in Genf entscheidend verändert: Die Reformwilligen gewannen im Stadtrat die Oberhand. Calvin wurde nach Genf zurückberufen und blieb dort bis zu seinem Tod 1564. Die Auseinandersetzungen um die Kompetenzen von kirchlicher und weltlicher Obrigkeit blieben allerdings bestehen. Der Reformator legte eine Kirchenordnung vor, die „Ordonnances ecclésiastiques“, die wiederum vom Rat abgelehnt wurde – mit der Begründung, dass die Kirchenzucht nicht (alleinige) Aufgabe der Kirche sein dürfe. Calvin passte die Kirchenordnung noch im selben Jahr an – doch selbst diese überarbeitete Fassung blieb umstritten und zog weitere Konflikte nach sich.

In der Kirchenordnung legte Calvin ein viergliedriges Amtsverständnis dar, das sich direkt auf die Heilige Schrift berief:

  • das Amt der Pastöre: Predigt und die Sakramentsverwaltung,
  • das Amt der Doktoren: theologische Bildung der Gemeinde,
  • das Amt der Presbyter oder Ältesten: Aufseher in einzelnen Ortsteilen; zusammen mit den Pastoren (in einem Konsistorium) für die Einhaltung der Kirchenzucht verantwortlich,
  • das Amt der Diakone: Verwaltung des Kirchenvermögens und Organisierung der Armenfürsorge sowie der Versorgung der Kranken.(Siehe dazu die Auszüge aus der Kirchenordnung bei Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter, 2012, S. 108.)

Die Rolle der weltlichen Obrigkeit – also des Stadtrates – beschreibt Harm Klueting wie folgt: „Der Rat ernannte die Pastoren und Doktoren, während Presbyter nur Mitglieder des Rates werden konnten. Außerdem entschied bei schweren Verbrechen nicht das Konsistorium [aus Presbytern und Pastoren, Einschub von WebHistoriker.de], sondern der Rat.“ (Klueting: Das konfessionelle Zeitalter, 2007, S. 216)

Wie gestaltete sich die Kirchenzucht in Genf?

„Die Ältesten haben die Aufgabe, über den Lebenswandel jedes Einzelnen zu wachen und die in Liebe zu ermahnen, die sie straucheln und ein ungeordnetes Leben führen sehen. Und nötigenfalls sollen sie der Körperschaft, die verordnet werden soll, um die brüderlichen Zurechtweisungen auszuüben, berichten und sie sollen dann zusammen mit den andern [Dienern] über die Ermahnungen Beschluss fassen“, heißt es in Calvins Kirchenordnung von 1561 (nach Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter, 2012, S. 108).

Laut Thomas Kaufmann galt es, folgende Handlungen zu sanktionieren: Versäumter Besuch des Gottesdienstes, unzüchtiges Benehmen, Blasphemie, Bettel und Müßiggang, Alkoholmissbrauch und auch das Ausüben magischer Praktiken. Die Konsequenzen waren drastisch: Pro Jahr wurden an die 200 Personen exkommuniziert. (Kaufmann: Erlöste und Verdammte, 2016, S. 235)

Zitat: "Die Ältesten haben die Aufgabe, über den Lebens-
wandel jedes Einzelnen zu wachen (...)" (Calvin)

Wie weit die Kirchenzucht gehen konnte, zeigt ein Beispiel von Volker Leppin (Reformation, 2017, S. 114): Ein Pfarrer sollte ein Kind auf den Namen Claude taufen, legte jedoch überraschend den Namen Abraham fest. „Hintergrund war die Sorge Calvins und seiner Gefährten, dass die Fortführung der mittelalterlichen Namenstradition auch eine weitere Heiligenverehrung mit sich bringen würde.“ Die Folge: Eine offizielle Liste zugelassener Taufnamen wurde eingeführt.

Wenig zimperlich gingen Calvin und der Genfer Stadtrat auch mit Kritikern der reformatorischen Lehren um: Der bekannteste Fall ist der Ketzerprozess gegen Michael Servetus, einen spanischen Arzt und humanistischen Gelehrten, der wegen seiner Ansichten zur Trinität hingerichtet wurde. Bei aller Grausamkeit muss allerdings festgehalten werden, dass das allgemeine Recht kaum Raum für ein anderes Urteil ließ, „da auf Bestreitung der Trinität die Todesstrafe stand“ (Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter, 2012, S. 115).

Die reformierte Kirche in Genf – eine Theokratie?

Im Zusammenhang mit Calvin und Genf wird gelegentlich von einer Theokratie gesprochen. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert den Begriff Theokratie folgendermaßen: „Das Wort ‚Theokratie‘ (…) bedeutet ‚Gottesherrschaft‘. In einem theokratischen Staat rechtfertigen die Machthaber ihre Herrschaft dadurch, dass sie sich auf einen göttlichen Willen berufen. Die Herrscher sind nicht nur die politischen, sondern auch die religiösen Führer in diesem Staat.“ Das trifft so auf Genf und reformierte Kirche nicht zu, wie auch Michael Maurer in seinem Werk über die „Konfessionskulturen“ (2019, S. 13) deutlich macht: Calvin sei der wichtigste und auch ein charismatischer Prediger gewesen, doch hatte er keine politischen Ämter inne. Und bei aller denkbaren Einflussnahme seinerseits seien „Beschlüsse und die Durchführung“ weiterhin „Sache der traditionellen politischen Gewalt“ geblieben.

Verwendete Literatur

Erwin Iserloh: Geschichte und Theologie der Reformation im Grundriss. Paderborn 1980.

Martin H. Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter (1517–1648). (Basiswissen Theologie und Religionswissenschaft Herausgegeben von Lukas Bormann) Göttingen 2021.

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation. München 2016.

Harm Klueting: Das Konfessionelle Zeitalter. Europa zwischen Mittelalter und Moderne. 480 S. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.

Ernst Koch und Ulrich Pfister (2019): Calvinismus. In F. Jaeger (ed.), Enzyklopädie der Neuzeit Online. Brill: https://doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_250751

Volker Leppin: Die Reformation. 2., aktualisierte Auflage 2017.

Michael Maurer: Konfessionskulturen. Die Europäer als Protestanten und Katholiken. Paderborn 2019.