Geschichte der Reformation
Reformation: Der Streit um das Abendmahl
Kontroverse Ansichten zu Eucharistie und Opfercharakter der Messe
„Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“ – oder doch eher „Dies bedeutet mein Leib“ und „Dies bedeutet mein Blut“? Was meinte Jesus mit diesen Worten, als er beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern Brot und Wein reichte? Die Antworten darauf gingen zwischen der alten Kirche und den Reformatoren, aber auch unter den Reformatoren selbst weit auseinander. Zwar interessieren solche theologischen Differenzen heute nur noch wenige Menschen, doch im 16. Jahrhundert waren sie ausschlaggebend Zerwürfnisse und Spaltungen. Im Folgenden werden die zentralen Positionen dargestellt.

Hostienschale und Kelch in einer katholischen Kirche; Bild: Michael Schnell
Die katholische Position
Wie lässt sich die Eucharistie kirchenfernen Menschen oder Kommunionkindern erklären? Diese Frage stellte das Domradio dem Kölner Weihbischof Dominik Schwaderlapp in einem Interview. Schwaderlapp beginnt seine Antwort mit dem Menschenbild: Der Mensch bestehe aus Leib und Seele, wobei der Leib „wie ein Fenster zur Seele“ fungiere – „das Instrument, das die Seele zum Klingen bringt“. Christus sei Mensch geworden, um sich auf eine Stufe mit den Menschen zu stellen. Die Eucharistie sei „die Fortsetzung dessen nach seiner Auferstehung und Rückkehr zum Vater: Christus bleibt sichtbar unter uns, in seinem Leib und seinem Blut, in den Gestalten von Brot und Wein. Denn wir glauben, dass dies wirklich Jesus ist – nicht nur ein Zeichen für ihn.“
In der Messe vollzieht sich die Wandlung: Brot wird zum Leib Christi, Wein zu seinem Blut. Die äußere Erscheinung des Brotes und des Weins bleibt, doch Jesus ist nach der Wandlung in der Gestalt des Brotes und des Weins substanziell oder leibhaftig vorhanden. Die Wesensverwandlung wird auch Transsubstantiation genannt. Sie geschieht durch die sogenannte Konsekration (von lateinisch „consecrare“, deutsch „weihen“ oder „heiligen“) des Priesters.
Dieser Auffassung, dass Jesus im Brot und im Wein substanziell oder leibhaftig vorhanden ist, ging im Mittelalter eine große Diskussion unter den Gelehrten voraus, bis auf dem vierten Laterankonzil von 1215 eine Erklärung verabschiedet wurde. Bestätigt wurde sie auf dem Trienter Konzil (1545–1563).
In der Reformation sollte die Transsubstantiation für Diskussion sorgen – ebenso wie zwei weitere Punkte: (1.) das katholische Verständnis der Eucharistie als ein Sühneopfer und (2.) der sogenannte Laienkelch.
- Die Eucharistie als Sühneopfer wurde in dem „Dekret über die Bitte um den Kelch“ vom 17. September 1562 (Trienter Konzil) festgehalten: Sie sei nicht nur „ein Lob- und Danksagungsopfer oder eine bloße Erinnerung des am Kreuz vollbrachten Opfers“, sondern wahrhaft ein Sühnopfer – sowohl für die Lebenden als auch für die Gestorbenen.
- Über Jahrhunderte hinweg empfingen Laien die Kommunion in beiderlei Gestalt (Brot und Wein), ab dem Hochmittelalter verzichtete die lateinische Kirche auf die Kelchkommunion der Laien (auch Laienkelch genannt). Auf dem Konzil von Trient wurde der Kommunionempfang nur unter der Gestalt des Brotes mit dem Hinweis verteidigt, „dass der ganze Christus unter jeder der beiden Gestalten empfangen werde.“ (Sparn u.a.: „Sakrament“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online) Papst Pius IV. erlaubte den Laienkelch 1564, widerrief diese Erlaubnis hingegen 20 Jahre später.
Erst in den 1960er-Jahren, mit den Beschlüssen des Zweite Vatikanische Konzils (1962–1965), wurde die Kommunion unter beiderlei Gestalten auch für Laien in bestimmten Fällen wieder zugänglich gemacht.
Lutherische und reformierte Ansichten
Es gab eine Reihe von Übereinstimmungen unter allen Protestanten, mit denen sie sich von der alten Kirche abwandten, zum Beispiel:
- Reduzierung der Sakramente: Nur Taufe und Abendmahl galten als Sakramente (bei Luther noch zusätzlich die Beichte). Firmung, Krankensalbung, Weihe und Ehe wurden nicht mehr als Sakramente anerkannt.
- Laienkelch: Alle Gläubigen sollten die Kommunion in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) empfangen dürfen.
- Ablehnung der Transsubstantiation: Die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi wurde abgelehnt.
Doch beim Thema Abendmahl zeigten sich unter den Reformatoren tiefe Meinungsverschiedenheiten. Laut Heinz Schilling (Martin Luther, 2012, S. 399) wurden diese sowohl „mit hoher Gelehrsamkeit“ als auch „mit brutaler Härte“ ausgetragen. Streitpunkt: Martin Luther hielt auch ohne Wandlung an der Realpräsenz Christi beim Abendmahl fest. Christus sei wirklich und wahrhaftig anwesend „im Kreis derer, die in seinem Namen und unter Verheißung seiner Einsetzungsworte Brot und Wein zu sich nahmen“ (Schilling: Martin Luther, 2012, S. 400). Viele Reformatoren fragten sich jedoch: Wie kann Jesus gleichzeitig im Himmel und unter den Abendmahlgästen sein?

Huldrych Zwingli deutete das Abendmahl lediglich ein Zusammenkommen zur Erinnerung, zum Gedenken an den Herrn. Brot und Wein seien Symbole, das „ist“ der Einsetzungsworte Jesu sei als „bedeutet“ (siehe meine Einleitung oben) zu verstehen. „Christus sei bei der Feier zwar gegenwärtig, aber nicht mit Fleisch und Blut, sondern in dem sich die Gemeinde an ihn erinnere und sich zu ihm bekenne.“ (Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter, 2012, S. 94) Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass sich auch unter den Anhängern Luthers darüber gestritten wurde, v.a. nach Luthers Tod.
Johannes Calvin versuchte sich an einem Mittelweg zwischen Luther und Zwingli: Christus sei nicht „örtlich“ oder „historisch-fleischlich“ gegenwärtig, doch sein Geist sei „durch nichts in seiner Wirksamkeit begrenzt“. Gemeinsam mit Philipp Melanchthon konnte einigte sich Calvin auf eine Änderung des Augsburger Bekenntnisses: Demnach seien „Leib und Blut Christi nicht mehr ‚unter den Gestalten von Brot und Wein im Abendmahl gegenwärtig‘“, könnten aber „‘mit Brot und Wein … den Essenden gereicht‘ werden. Kraft des Heiligen Geistes gelangen die Gläubigen in die Gemeinschaft von Fleisch und Blut Christi“. (Alle Zitate nach Iserloh: Geschichte und Theologie der Reformation, 1980, S. 146).
Einig waren sich die Reformatoren wiederum in der Ablehnung des Opfercharakters der Messe. Nach der reformatorische Rechtfertigungslehre konnten „alle Gaben und alle Gnade von Gott allein“ erwartet werden. Das widersprach der katholischen Auffassung, wonach die Messe ein Sühneopfer sei, „das von der Kirche Gott dargebracht wurde, um Gutes für die Menschen zu bewirken“ (Leppin: Die Reformation, 2. Aufl. 2017, S. 52).
Verwendete Literatur
Erwin Iserloh: Geschichte und Theologie der Reformation im Grundriss. Paderborn 1980.
Martin H. Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter (1517–1648). Göttingen 2012.
Volker Leppin: Die Reformation. 2., aktualisierte Auflage. Darmstadt 2017.
Ina Rottscheidt: Was ist Eucharistie? – „Es ist und bleibt ein ganz großes Geheimnis“. Ein Interview mit Dominik Schwaderlapp auf den Seiten von Domradio.de. Online unter: https://www.domradio.de/artikel/was-ist-eucharistie (vom 19.06.2025, abgerufen am 20.02.2026)
Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. 728 S. C.H. Beck 2012.
Walter Sparn, Peter Walter, Friederike Nüssel und Jennifer Wasmuth: „Sakrament“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger (bis 2019), Georg Eckert, Ulrike Ludwig, Benjamin Steiner und Jörg Wesche. J.B. Metzler, Teil von Springer Nature. Copyright © Springer-Verlag GmbH, DE 2005-2026. https://doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_343190
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