Geschichte der Reformation

Das Jahr 1559 und die Ausbreitung des Calvinismus

Teil 2 des Kapitels „Johannes Calvin und die Geschichte des Calvinismus“

Titelblatt: Johannes Calvin: Institutio Christianae religionis (Institutes of Christian religion). Geneva: Robert Estienne, 1559 (Wikimedia commons, public domain)

Titelblatt: Johannes Calvin: Institutio Christianae religionis (Institutes of Christian religion). Geneva: Robert Estienne, 1559 (Wikimedia commons, public domain)

Der Historiker und Theologe Harm Klueting nennt das Jahr 1559 das „Epochenjahr des Calvinismus“ (Das konfessionelle Zeitalter, 2007, S. 218) – und führt als Beleg einige wichtige Ereignisse in diesem Jahr an, z.B. das Erscheinen von Calvins Hauptwerk „Institutio Christianae Religionis“ in seiner letzten Fassung, die Gründung der Genfer Akademie und die erste Nationalsynode in Frankreich mit Verabschiedung des Glaubensbekenntnisses der Hugenotten („Confessio Gallicana“).

Genf avancierte in den Jahren nach der Rückkehr Johannes Calvins 1541 zum „international wichtigsten Zentrum des Protestantismus“ (ebd.). Calvins Name, aber auch die Entwicklungen in der Stadt inklusive der Gründung einer Akademie in Genf besaßen eine große Anziehungskraft: auf Studenten und auch auf Flüchtlinge, die in ihrer Heimat ihren reformierten Interessen nicht nachgehen konnten oder durften.  Auch Volker Leppin nennt Genf ein „eigenes und eigenständiges Zentrum der Reformation (…), das nach Frankreich, in die Niederlande und nach England und Schottland ausstrahlte.“ (Reformation, 2017, S. 102)

Großen Anteil daran hatte die Genfer Akademie, eine theologische Hochschule für die Ausbildung von Predigern und die Vertiefung der reformierten Lehre. Sie wurde auf Anraten Johannes Calvins gegründet, ihr erster Leiter war Théodore de Bèze (auch Theodor von Beza, 1519–1605). Ihre Vorschule vermittelte den Schülern die Kenntnisse der sieben freien Künste sowie lehrte sie die griechische Sprache. An der daran anschließenden Hochschule wurden Theologie, Hebräisch, Griechisch und vertiefend die freien Künste, später auch noch die Rechtswissenschaften gelehrt. (Kaufmann, Erlöste und Verdammte“, S. 242)

Etwas älter war die Straßburger Akademie, nach 1559 kamen weitere Akademien in Deutschland, Frankreich und Schottland hinzu.

Ausdehnung Richtung Deutschland

Johannes a Lasco - polnischer Theologe und Reformator. Bild anonym aus dem Jahr 1720 (Wikimedia commons, public domain)

Johannes a Lasco – polnischer Theologe und Reformator. Bild anonym aus dem Jahr 1720 (Wikimedia commons, public domain)

Er stammte aus Polen, studierte in Rom, Bologna und Padua, wurde Priester und in Polen königlicher Sekretär am Hofe Sigismund I. (1467–1548), hatte in Zürich Kontakt mit Huldrych Zwingli, war in Basel ein Schüler des Humanisten Erasmus von Rotterdam, traf Philipp Melanchthon und wandte sich zunehmend vom alten Glauben ab: Johannes a Lasco oder Jan Laski (1499–1560). Er wurde der erste polnische Priester, der heiratete, und ging 1542, nach dem gescheiterten Versuch, in der Heimat reformatorisches Gedankengut in die Praxis umzusetzen, als Superintendent nach Ostfriesland. Als mit dem Augsburger Interim die reformierte Kirche nicht zugelassen wurde, musste Johannes a Lasco Ostfriesland wieder verlassen. (Siehe dazu u.a. den Artikel „Johannes a Lasco: Europäischer Humanist und Reformator der zweiten Generation“ auf luther2017.de)

In der Pfalz war die Einführung des reformierten Protestantismus erfolgreicher, was vornehmlich mit dem Namen Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1515–1576), genannt „der Fromme“, verbunden war. Er hatte zunächst 1546 die lutherische Richtung der Reformation eingeschlagen, in den 1560er Jahren dann die reformierte – unter anderem mit der Einführung eines eigenen Katechismus 1562 und einer Kirchenordnung aus dem Jahre 1563. Interessant ist, dass im Heidelberger Katechismus das Abendmahl deutlich reformiert verstanden wird, aber: „(…) insgesamt zeigt sich in ihm das Bemühen, die konfessionellen Gräben zu überbrücken. Neben Calvin ist der Einfluss Melanchthons stark.“ (Leppin: Reformation, 2017, S. 118)

Neben kleineren Gebieten folgte schließlich auch noch ein besonderer Fall: Der Markgraf von Brandenburg, Johann Sigismund (1572–1619 oder 1620), und sein Hof waren zunächst lutherisch, konvertierten 1613 zum reformierten Glauben. Der Herrscher gestand der Bevölkerung allerdings zu, lutherisch zu bleiben.

Die „Reformierte Kirche von Frankreich“ und die Hugenottenkriege

Trotz systematischer Verfolgung mit Todesurteilen und dem Verbrennen auf Scheiterhaufen verbreitete sich der reformierte Protestantismus in Frankreich. Eine protestantische Minderheitskirche entwickelte sich, bekannt als „Reformierte Kirche von Frankreich“ (Klueting: Das Konfessionelle Zeitalter, 2007, S. 223), deren Anhänger auch „Hugenotten“ genannt wurden.

Friedlich wurde es dadurch nicht zwischen den Altgläubigen und den Reformierten. Es folgten die sogenannten Hugenottenkriegen – insgesamt acht Bürgerkriege, die aber weniger als Schlachten zu bezeichnen waren, denn als Gräueltaten und „Massenermordungen, die von Katholiken an Protestanten und Protestanten an Katholiken verübt wurden“ (Klueting: Das Konfessionelle Zeitalter. 2007, S. 225). Es waren keine reinen Religionskriege, auch politische und dynastische Motive trugen entscheidend zu Ausbruch und Entwicklung der einzelnen Kriege bei.

Am Ende der acht Kriege stand das Edikt von Nantes, das den Hugenotten wiederum zahlreiche Rechte zusicherte und bis 1685 gelten sollte.

Das reformierte Bekenntnis in den Niederlanden

William I, Prince of Orange by Adriaen Thomasz. Key, Rijksmuseum, 1579 (Wikimedia commons, public domain)

William I, Prince of Orange by Adriaen Thomasz. Key, Rijksmuseum, 1579 (Wikimedia commons, public domain)

In den Niederlanden zeigten sich zunehmend verschiedene Einflüsse reformatorischer Bewegungen: Lutheraner, Täufer und dann auch, seit den 1540er Jahren, verstärkt die Reformierten, deren bedeutendster Vertreter Guido de Bray war. Er verfasste 1561 die bedeutende Schrift „Confessio Belgica“.

Nachfolgend vermischten sich politische und religiöse Motive: Philipp II. von Spanien, seit 1555 Herrscher in den Niederlanden, musste sich sowohl dem niederen Adel, der sich gegen seine Unterdrückung wehren wollte, als auch der stärker werdenden reformierten Bewegung entgegenstellen. Philipp legte dies in die Hände des Herzogs von Alba, Fernando Álvarez de Toledo (1507–1582). Der spanische Adlige, Feldherr und Staatsmann ging mit großer Brutalität gegen die Reformierten vor, die zuvor freilich auch recht militant – mit „Bilderstürmen und bürgerkriegsartigen Aufständen“ (Kaufmann: Erlöste und Verdammte, 2016, S. 252) – wirkten.

Gegen Philipp II. und Herzog Alba wuchs der Widerstand, an dessen Spitze sich der Calvinist Wilhelm von Oranien positionierte. 1576 einigten sich alle Provinzen – auch die katholischen – in der „Genter Pazifikation“ auf die Vertreibung Spanier. Allerdings machten die katholischen Provinzen einen Rückzieher: Sie schlossen sich zum Schutze ihres Glaubens zur „Union von Arras“ zusammen und erkannten Philipp II. von Spanien als rechtmäßigen Herrscher an. Hinter dieser Kehrtwende stand v.a. der Prinz von Parma, Alessandro Farnese (1545–1592), der sich als mächtiger Gegenspieler Wilhelms von Oranien hervortat und den katholischen Provinzen politische Zugeständnisse machen konnte – wenn sie denn ihren Widerstand gegen den spanischen König aufgeben würden.

Als Reaktion auf die katholische Union gründeten die reformierten Provinzen die „Utrechter Union“ mit Holland, Utrecht, Zeeland, Geldern und einem Teil Groningens. Nach und nach kamen weitere große Gebiete hinzu. 1581 erklärte sich die Utrechter Union schließlich für unabhängig.

Die Niederlande waren infolge dieser religiösen und politischen Gegensätze fortan zweigeteilt: in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden.

Schottland und John Knox

John Knox gilt als „die wichtigste Gestalt der schottischen Reformation“ (Klueting: Das Konfessionelle Zeitalter, 2007, S. 244). Geboren 1514 in der schottischen Stadt Haddington, studierte er ab 1529 die Rechtswissenschaften und Theologie und wurde 1536 zum Priester geweiht. Sein Bruch mit der katholischen Kirche vollzog sich unter dem Einfluss von George Wishart (1513–1546), der in den 1530er Jahren mit den reformierten Ideen in Berührung gekommen und 1538 von dem Bischof von Brechin, John Hepburn, der Ketzerei angeklagt worden war. Wishart floh unter anderem nach Deutschland und in die Schweiz, wo er ein Anhänger des Genfer Reformators Jean Calvin wurde. Bei seiner Rückkehr nach Schottland 1544 traf er auf John Knox, wurde dessen geistiges Vorbild.

Doch Wisharts Wirken endete tragisch: 1546 wurde er als Ketzer verurteilt und verbrannt. Knox schloss sich Aufständischen an, wurde gefangen genommen und befreit und musste schließlich aus Schottland verlassen. Sein Weg führte ihn 1554 nach Genf. Dort lernte er Calvin und seine Lehren kennen.

1559 kehrte Knox zurück nach Schottland und unterstützte Adelige, die sich gegen die Regentin von Schottland Marie de Guise (1515–1560) erhoben hatten. Nach deren Tod kam es zu einem offenen Aufstand mit „Übergriffen auf Kirchenbesitz und (…) Bilderstürmen“ (Kaufmann: Erlöste und Verdammte, 2016, S. 255).

Die Reformation nahm ihren Lauf: John Knox verfasste (zum Teil mit anderen Reformatoren)

  • 1560 die Bekenntnisschrift „Confessio Scotica“, die einstimmig vom Parlament angenommen wurde,
  • 1561 das „Book of Discipline“ zur Regulierung der Ordnung in der Kirche von Schottland und
  • 1564 eine Gottesdienstordnung: „The Book of Common Order!“

Verwendete Literatur

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation. München 2016.

Harm Klueting: Das Konfessionelle Zeitalter. Europa zwischen Mittelalter und Moderne. 480 S. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.

Volker Leppin: Die Reformation. 2., aktualisierte Auflage. Darmstadt 2017.

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