Die Frührenaissance

Die Frührenaissance ist das „Zeitalter der Widerentdeckung“[1], die Beschäftigung mit der antiken Kultur, vor allem der römischen, aber auch der griechischen. Und doch ist, wie im Folgenden immer wieder hindurchscheint, auch schon das Streben zu erkennen, aus oder mit dem Wiederentdeckten auch etwas Neues zu kreieren. Die bekanntesten Namen dieser Zeit sind sicherlich Petraca, Boticelli und Alberti, die vorantreibenden Städte vor allem Florenz, aber auch Rom, Neapel, Mailand.

Giotto di Bondone (um 1270-1337): Perspektive und Natürlichkeit

Giotto di Bondone: Weltgericht, Detail: Enrico Scrovegni übergibt ein Modell der Kapelle, Padua, ca. 1305. Quelle: Wikimedia Commons (wga.hu)

Giotto di Bondone: Weltgericht, Detail: Enrico Scrovegni übergibt ein Modell der Kapelle, Padua, ca. 1305. Quelle: Wikimedia Commons (wga.hu)

Giotto war ein italienischer Maler, Bildhauer und Architekt oder Baumeister, der in der Nähe von Florenz (in Vespigano, einem Ortsteil von Vécchio) aufwuchs und als Lehrling in der florentinischen Werkstatt von Cenni di Pepo, genannt Cimabue, tätig war. Anschließend arbeitete er u. a. in Rom, Neapel und Padua – alles Städte, die immer wieder auch als Ursprungsorte der Renaissance genannt werden.

Giottos Werke waren religiös und wiesen doch in Richtung des Weltlichen, da sie sich durch einen Realismus auszeichneten, der das Hier und Jetzt herausstellte. Die Perspektive und die Natürlichkeit schufen eine neue Art der Malerei. Und so schrieb der große italienische Dichter und Zeitgenosse Giovanni Boccaccio (1313-1375) in seinem Dekameron (6. Tag, 5. Geschichte) über Giotto:

„Der Name des andern war Giotto, und er war mit so vorzüglichen Talenten begabt, dass die Natur, welche die Mutter aller Dinge ist, deren fortwährendes Gedeihen durch das unablässige Kreisen der Himmel bewirkt wird, nichts hervorbringt, was er mit Griffel, Feder oder Pinsel nicht dem Urbild so ähnlich darzustellen gewusst hätte, dass es nicht als ein Abbild, sondern als die Sache selbst erschienen wäre, weshalb denn der Gesichtssinn der Menschen nicht selten irregeleitet ward und für wirklich hielt, was nur gemalt war.“[2]

Eines der Hauptwerke Giottos, „Enrico Scrovegni präsentiert der Madonna die von ihm gestiftete Kapelle“ aus dem Jahre 1305 (Padua, Arena-Kapelle), zeigt auch, dass aus Bildern zur Ehre Gottes und zum Gebet nun „Kunstwerke“ wurden: Ein „aufgeschlossenes Laienpublikum“ empfand solche Gemälde als „schön“. Bilder wurden zunehmend dazu verwendet, „den Ruhm der eigenen Stadt zu mehren“ – und „das Prestige der Familie“[3]: So zum Beispiel, als Giotto die Fresken einer Kapelle von Enrico Scrovegni, der „ein wohlhabender Handelsmann und Sohn eines berüchtigten Geldverleihers“[4] war, malte. Die Kunst wurde privater!

Francesco Petrarca (1304-1374): Der individuelle Mensch

Francesco Petrarca lebte etwas später als Giotto. Er war ein bekannter epischer und lyrischer Dichter, ein Geschichtsschreiber, ein Philosoph – und, nach Peter Burke, der erste Humanist.[5] Er war ein Mensch zwischen den Zeiten: Zwar beschrieb er die vergangenen Jahrhunderte als eine finstere Zeit, aus der seine Gegenwart den Schritt in eine hellere Zukunft machte. Aber in vielen Dingen zeigte er sich auch noch verhaftet in der Welt des Mittelalters.[6]

Petrarca wurde in Arezzo geboren und sollte zunächst die juristische Laufbahn nehmen, tritt dann in den Dienst der Kirche und reist durch Italien, Frankreich, Brabant und Flandern (im heutigen Belgien). Er spürte antike Schriften auf, begeisterte sich die Antike, vor allem für die römische, für Cicero und Livius, schrieb über „Liebe, Tod, Natur und Einsamkeit“.[7]

Das Individuum, der einzelne Mensch interessierte ihn. Und er stellte ihn in den Mittelpunkt, indem er eine Reihe von (zum Teil nicht vollendeten) Biografien, ja selbst eine Art Autobiografie erstellte. Die Biografien beschrieben das Leben und die Taten berühmter Männer. Der bekannte Dichter und Schriftsteller Giovanni Boccaccio (1313-1375), den Petrarca in Florenz traf, führte dies mit einer Sammlung an Biografien berühmter Frauen fort.

Wegen Petrarcas Wanderung auf den Mont Ventoux in der französischen Provence (nordöstlich von Avignon) wird der Dichter gelegentlich als erster Bergsteiger bezeichnet – er war „um des Schauens willen“[8] unterwegs und bewunderte die Schönheit der Natur. Die Wanderung, von der nicht bekannt ist, ob sie überhaupt stattfand, nutzte er zudem für einen Blick in sich selbst.

Das alles gab etwas Neues vor, zeigte ein anderes Bild des Menschen, ein Bild eines Individuums. Das galt in seinen Augen auch für das Denken: Dieses individuelle Denken trennte ihn von den „erstarrten spätmittelalterlichen Schulen“[9], der Scholastik. Von ihr grenzte er sich ab, fühlte sich als „Fremdling“ in seiner Zeit.[10]

Florenz: Die wichtig(st)e Stadt für den Beginn

Italien gilt als Ausgangspunkt der Renaissance – und in besonderem Maße die Stadt Florenz, die der Kunstprofessor Andreas Tönnesmann daher auch als das „Labor der Renaissance“ bezeichnete.[11] Tatsächlich war die Renaissance insgesamt ein städtisches Phänomen – und Florenz war im 14. Jahrhundert eine sehr fortschrittliche Stadt, nach Bernd Roeck gar die „modernste Stadt der Welt“. Die Geldwirtschaft rund um den Florentiner (einer in der Stadt geprägten Goldmünze) und dem Abakus zum Rechnen, die Textilproduktion mit der Wollherstellung und den Webereien, die monumentalen Bauten trugen dazu bei.[12]

Florenz, Fotografie um 1985, Bild: Michael Schnell

Blick über Florenz mit der Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore, Fotografie um 1985, Bild: Michael Schnell

Es war zunächst ein kleiner Kreis von Gelehrten, die Neues mithilfe der antiken Schriften und Zeugnissen schaffen wollten: der Architekt Filippo Brunelleschi (1377-1446), der Bildhauer Donatello (1386-1466), der Bildhauer und Kunsttheoretiker Lorenzo Ghiberti (1378-1455), die Maler Masaccio (1401-1428) und Sandro Botticelli (1445-1510) sowie der Humanist, Kunst- und Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti (1404-1472).

Brunelleschi und Ghiberti zeigten sich beispielsweise als recht junge Künstler 1402 als „Finalisten“ in einem Wettbewerb, den eine Florentiner Kaufmannszunft ausgeschrieben hatte: Zwei neue Türflügel sollten für die Taufkirche entstehen. Das Südportal wurde bereits 1330 von Andrea Pisano (1290-1348) in Zusammenarbeit mit einem venezianischen Spezialisten für Bronzegüsse entworfen und erstellt, das Nordportal stand nun in Planung – und Lorenzo Ghiberti ging als Sieger hervor. Er schuf ein Proberelief mit dem alttestamentarischen Thema der Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham. Dieses Werk „gehört zu den ersten Werken der Renaissance“[13]: „Der nackte Körper des zum Opfer bestimmten Isaak, der im letzten Moment durch Gottes Engel gerettet wird, gleicht dem eines antiken Gottes.“[14] Es zeigt sich folgend schön der Übergang von Mittelalter zur Renaissance, der nicht abrupt, sondern fließend erfolgte: Ghiberti orientierte sich bei den Türen, wie von den Auftraggebern auch verlangt, an dem Vorbild Pisanos, dem Südportal, ließ aber bereits Neues mit Rückgriff auf Altes (auf die Antike) in sein Werk einfließen.

Filippo Brunelleschi hingegen tat sich vor allem durch seine Architekturarbeiten hervor. Wer kennt sie nicht, die Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore – für damalige Zeiten eine technische Meisterleistung! Brunelleschi wurde bezüglich der kirchlichen Architektur zur zentralen Figur der beginnenden Renaissance, zahlreiche Folgeprojekte kamen zustande. Hingegen lassen sich „über Brunelleschis Bedeutung für die Profan-Architektur (…) nur Vermutungen anstellen.“[15]

In Ghibertis Werkstatt arbeitete zur Zeit der Erstellung der zuvor erwähnten Türportale ein weiterer bedeutender Künstler der Frührenaissance mit: der Bildhauer Donatello. Er schuf die erste freistehende Aktfigur, seinen „David“, um 1435.

In Architektur und der Bildhauerei finden sich schon deutliche Hinweise auf die so genannte Zentralperspektive. Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese aber in der Malerei und ist in dieser Zeit v. a. verbunden mit dem Namen Masaccio (siehe unten).

Zur Malerei kurz noch eine Anmerkung: Der Blick zurück, in die Antike, war bezüglich der Malerei ein schweres Unterfangen. Gemälde aus der griechischen und römischen Antike gab es keine. Woran sollte man sich also orientieren? Es gab lediglich ein paar Beschreibungen von antiken Bildern, aber diese reichten nicht. Kurz: Es musste so zusagen mehr Neues geschaffen werden als in der Architektur oder der Bildhauerei.

Zentralperspektive und Geometrie: Masaccio (eigentlich Tommaso di Ser Giovanni di Mone Cassai, 1401-1428)

Masaccio: Heilige Dreifaltigkeit, um 1428, Bild:Wikimedia Commons (Buch: John T. Spike, Masaccio, Rizzoli libri illustrati, Milano 2002)

Masaccio: Heilige Dreifaltigkeit, um 1428, Bild: Wikimedia Commons (Buch: John T. Spike, Masaccio, Rizzoli libri illustrati, Milano 2002)

Wenn von der Zentralperspektive in der Malerei die Rede ist, so fällt meist der Name Masaccio. Er wird oft als Nachfolger Giottos bezeichnet, weil er dessen perspektivische Ideen ausweitete und das Realistische damit auf ein höheres Niveau hievte – und so schuf er wohl „das erste vollkommen zentralperspektivisch konstruierte Bild der Welt“[16]. Gemeint ist hier Masaccios Werk „Die Heilige Dreifaltigkeit“, das dem Schauenden einen Blick in einen Raum vorspielt: „Die Grenze zwischen Bildraum und Realraum wird bis zu einem gewissen Grad aufgehoben.“[17] Doch nicht nur die Illusion, auch die mit der Zentralperspektive angewandte Geometrie brachte etwas Besonderes hervor: Diese konnte „von jedermann und überall mit derselben Präzision angewandt werden.“[18]

Masaccio schuf damit in der Malerei tatsächlich etwas Neues und seine Werke bildeten einen Maßstab für die Jahrzehnte nach seinem Tod, wenngleich nicht außeracht gelassen werden sollte, dass es gerade in der Zeit seines Schaffens auch noch etliche „Hauptwerke der Internationalen Gotik“ gab.[19]

Zwischen 1425 und 1428 arbeitete Masaccio Fresko in der Kirche Santa Maria del Carmine in Florenz mit. Dieses Werk, genannt „Der Zinsgroschen“ oder „Der Tempelgroschen“ und eines seiner Meisterwerke, zeigt Personen mit starken individuellen Zügen und lebhaften Gesten. Die Skulpturen von Donatello und Nanni di Bianco waren hierbei sicherlich Vorbilder.

Eine erste Kunsttheorie: Leon Battista Alberti (1404-1472)

Leon Battista Alberti war ein bekannter Architekt und ein Universalgenie, der sich scheinbar für alles interessierte: Er schrieb satirische Texte und ernste Ratgeber, philosophische Texte und Traktate, verfasste eine toskanische Grammatik und Schriften „über Pferdehaltung und Landwirtschaft“, berichtete in einer Art Autobiographie aus seinem Leben, entwickelte eine Methode zum Verschlüsseln von Texten, entwickelte mathematische Spiele usw.[20]

Und er fertigte bedeutende Schriften über die Theorie der Kunst an:

  • um 1435: De pictura (Über die Malkunst)
  • um 1435: De statua (Das Standbild)
  • 1443–1452: De re aedificatoria (Über das Bauwesen)

Das, was Masaccio mit seiner Malerei schaffte, theoretisierte Alberti in der Schrift über die Malerei. „So wird die Darstellungsform der Zentralperspektive, die den Malern seit einiger Zeit geläufig ist, erstmals als optisches Verfahren begründet und in ihren geometrischen Regeln dargestellt.“[21] Alberti verwissenschaftlichte die Malerei und arbeitete gleichzeitig dagegen an: Sein Zielpublikum waren einerseits die Maler, die als Handwerker angesehen wurden, andererseits die humanistisch gebildeten Bürger. Das erste Buch wirkt recht mathematisch, wie schon zu seinen Lebzeiten kritisiert wurde.[22]

Tatsächlich sahen die gebildeten Humanisten die Werke der Maler eher als ein Handwerk denn mit Kunstgenuss. Interessanterweise betonte Alberti in der lateinischen Ausgabe gegenüber den Humanisten, welch hohes Ansehen die Malerei in der Antike besaß, während er in der italienischen Widmung, die sich eher an die Künstler richtete, die Malerei sogar auf einer Stufe mit den sieben freien Künsten stellte.[23]

Phantasie und Poesie: Sandro Botticelli (1445-1510)

Sandro Botticelli wirkte zum Ende der Frührenaissance, wurde gefördert von Lorenzo di Medici, der wegen seiner finanziellen Unterstützung der schönen Künste auch „il Magnifico“, also „der Prächtige“, genannt wurde. Lorenzo starb 1492, die Medici wurden zwei Jahre darauf vertrieben – daran beteiligt war der Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452-1498), der schließlich auch die Macht über die Stadt übernahm. Er prangerte den Humanismus und dessen Berufung auf die Antike an, ging gegen die Prunksucht der Stadt vor, ließ Kunstwerke und Literatur vernichten und übte starke Kritik an der Kirche. Die anderen italienischen Städte wandten sich gegen ihn, Papst Alexander VI. (1431-1503) exkommunizierte ihn. 1498 wurde Savonarola hingerichtet.

Botticelli zählte wohl nicht zu den Anhängern Savonarola, fertigte in dessen Herrschaftszeit allerdings nicht mehr dieselben Kunstwerke an wie zuvor, über die es heißt:

„Botticellis Gemälde eröffnen stets von vornherein den Raum für eine fiktive Parallelwelt, in dem die Figuren nicht als Abbilder der Realität agieren, sondern als Kunstfiguren einer poetischen Wirklichkeit, die gerade aufgrund ihrer Autorität auf die Wirklichkeit zurückwirken können.“[24]

Botticellis Frauen (in seinen Kunstwerken) haben etwas Phantasievolles, Poetisches, das wegführte von den möglichst realistischen Porträts seiner Zeit. Das Naturalistische wich dem Phantasievollen. Sehr schön ist dies an den Bildern „Primavera“ (Frühling) und „Die Geburt der Venus“ zu sehen, die sich der griechischen Mythologie zuwandten. Beide haben viele Rätsel aufgegeben. In der Fachliteratur mehrfach erwähnt wird eine gewisse Abkehr von der Antike: Die Bilder stünden nicht mehr für eine erstrebenswerte Geschichte, sondern eher für einen Blick nach vorn: „für ein herbeigesehntes Goldenes Zeitalter“[25]. Die Antike werde noch als „literarische Vorlage“ genutzt, seien im formalen Bereich allerdings „nahezu bedeutungslos“: „Raum und Körper sind nicht mehr entscheidende Themen der künstlerischen Gestaltung“, so Manfred Wundram.[26]

Sandro Botticelli: Primavera, um 1482. Quelle: Wikimedia Commons (Livioandronico2013)

Sandro Botticelli: Primavera, um 1482. Quelle: Wikimedia Commons (Livioandronico2013)

Primavera ist ein flächiges Bild, nahezu ohne Perspektive und Räumlichkeit. 8 lebensgroße Personen beherrschen die Szene (von links nach rechts):

  • Merkur, der Götterbote, ist zum linken Bildrand gewendet und damit beschäftigt, aufziehende Wolken zu vertreiben, um den Frühling nicht zu stören. Aber auch, um den Frieden zu bewahren, denn er tut dies mit einem so genannten Caduceus, der als Zeichen des Friedens galt: „Der antiken Mythologie zufolge trennte Merkur damit zwei sich bekämpfende Schlangen (…).“[27] Deimling 1999, S. 43) Sein Schwert zeigt, dass er diesen Frieden auch gegen Feinde verteidigen würde.
  • Rechts neben Merkur tanzen drei Grazien offenbar einen Reigen. Nur in „zarte, transparente Tücher gehüllt“, erscheinen sie „fast nackt“.[28] Sie sind die Begleiterinnen der folgenden Person: der Venus.
  • Die mit einem hellen Kleid und einem roten Umhang bekleidete Göttin der Liebe, die Venus, steht in der Mitte des Bildes, allerdings zurückgenommen durch ihre etwas nach hinten gesetzte Position. Die Bäume, die rechts und links von ihr wachsen, schließen hinter und über sie mit ihren Ästen und Blättern – in der Form eines Kirchenfensters, so dass die Venus (mich) an die Gottesmutter Maria erinnert. Ihr Blick ist wie bei den drei Grazien leicht abwesend, verträumt und melancholisch – und damit ähnlich dem Gesichtsausdruck der Venus in dem Gemälde „Die Geburt der Venus“. Über ihr schwebt ihr Sohn Amor, der Gott der Liebe, der mit verbundenen Augen kurz davor ist, einen Pfeil in Richtung der Grazien abzuschießen.
  • Rechts von der Venus ist die Namensgeberin des Bildes: Flora, die Göttin der Blüte und damit des Frühlings (Primavera), die in einem Blumenkleid Rosen streut. Nach dem antiken, römischen Dichter Ovid wurde eine Nymphe von dem Windgott Zephyr verfolgt und zu dessen Frau gemacht. Er verwandelte sie schließlich in die „Blumengöttin des Frühlings“: Flora.[29] Die auf dem Gemälde Botticellis rechts von Flora zu sehende Frau ist wohl diese Nymphe. Eine Verbindung von ihr zur Venus ergibt sich u. a. aus den Blumen, die aus dem Mund der Nymphe kommen und den Blumen des Kleides der Flora gleichen.
  • Auch der „Verfolger“ der Nymphe, Zephyr, ist am rechten Rand des Bildes zu sehen. Er hat Flügel, eine blaugrüne Haut und einen ebensolchen, etwas dunkleren Umhang. Er dringt gewaltvoll durch zu der Nymphe, gegen den Widerstand der Bäume.

Wie gesagt: Die Deutungen der Szenerie sind vielfältig. Sie reichen von der Darstellung der Jahreszeiten über christliche Einordnungen bis hin zur platonischen Philosophie.

Perspektivischen Aufbau und eine naturalistische Darstellung sucht man auch in der „Geburt der Venus“, entstanden um 1485 und wohl der erste Frauenakt in der Geschichte der Malerei, vergebens, was u. a. durch die dunklen Umrisslinien der Figuren unterstützt wird. Die naturalistische Darstellung wich hier einer durchgeistigten, verklärten, schwebenden Traumwelt von unnachahmlicher Anziehungskraft.“[30] Botticelli malte hier den wohl ersten Frauenakt.

Rom, Neapel, Mailand – weitere wichtige Städte in der und für die Frührenaissance

Florenz war sicherlich die bedeutendste Stadt für den Beginn der Renaissance, andere Städte zogen aber nach: Es fanden sich auch dort Personen, die ähnliche Wege gingen wie die Florentiner.

Rom

Rom war im 14. Jahrhundert nicht gerade eine Vorzeigestadt: Marc Reichwein, Redakteur des WELT-Feuilleton, schreibt mit Berufung auf das Buch „Rom. Vom Mittelalter zur Renaissance. 1378–1484“ von Arnold Esch (München 2016): „Noch um 1400 vergammelte Rom in seiner nach wie vor antiken Infrastruktur: Das einstige Caput Mundi war eine schäbige, mittelalterliche Kleinstadt in den Ruinen einer einstigen Millionenmetropole – und mit seinen 25.000 Einwohnern kleiner als Florenz oder Venedig.“[31] Doch das sollte sich ändern: Im Laufe des 15. Jahrhunderts erstarkte Rom, teilweise auch durch den Einfluss aus Florenz.

Rom: Colosseum, erbaut um 80 n. Chr. ; Bild: Michael Schnell

Rom: Colosseum, erbaut um 80 n. Chr. ; Bild: Michael Schnell

In Rom zeigte ein gewisser Flavio Biondo (1392-1463) seine Begeisterung für die „Alten“, indem er antike Gebäude der Stadt und darauf folgend auch ganz Italiens beschrieb: In seiner „Italia illustrata“, die nach seinem Tod erschien, aber bereits 1453 fertiggestellt war, zeichnete er ein Bild Italiens, das nach der glorreichen römischen Antike niederfiel, sich nun aber wieder zu alter Stärke und Größe aufrichte.[32] Ungefähr 50 Jahre später machte es ihm übrigens Konrad Celtis (1459-1508) mit seiner „Germania illustrata“ nach.

Mitte des 15. Jahrhunderts lebte auch Lorenzo Valla (um 1407-1457) in Rom. Dort auch geboren, wirkte er zunächst in verschiedenen Städten Italiens (Piacenza, Pavia und Mailand), bevor er 1448 nach Rom zurückkehrte. Bekannt ist er bis heute vor allem, weil er die berühmte Schenkung Konstantins I. (römischer Kaiser im 4. Jahrhundert) als Fälschung nachwies: Die Urkunde vermachte angeblich der christlichen Kirche viele Rechte und große Territorien. Doch Valla war auch ein bekannter Textkritiker, er „eröffnete die moderne Bibelkritik“[33]  und wird auch als „Neubegründer der Rhetorik“[34] bezeichnet. Insgesamt eckte er – laut Peter Burke ein „enfant terrible des Humanismus“[35] – mit seiner teils harschen, aber auch sprachlich meisterliche Kritik immer wieder an und stand sogar kurz davor, der Inquisition zum Opfer zu fallen.

Neapel

Bis 1442 stand Neapel unter der Herrschaft des Geschlechts des französischen Hauses Anjou. Bereits im 13. Jahrhundert erlangte die Stadt größere Bedeutung in Wirtschaft und Kultur. 50.000 Personen lebten um 1300 dort. Die folgenden spanischen Herrscher trugen dann ihren Teil dazu bei, dass Neapel zu einer der wichtigsten Städte der Renaissance und des Humanismus avancierte.

Einige wichtige Werke verfasste der oben erwähnte Lorenzo Valla auch in Neapel, am Hof des neapolitanischen Königs Alfons V. von Aragon (1396-1458), der Valla als königlichen Sekretär anstellte. Alfons V. von Aragon war ein großer Freund und Förderer des Humanismus. Er versammelte einige Humanisten um sich, zum Beispiel den Hofhistoriker Bartolomeo Fazio (1400-1457), der (Kurz-)Biografien sowohl von Alfons als auch von anderen berühmten Männern der Zeit schrieb. Einer davon brachte die Gelehrten zu Gesprächen in Neapel zusammen, zu kleinen Treffen, oft in der Öffentlichkeit: Antonio Beccadelli (1394-1471).

Mailand

Die Geschichte der Stadt Mailand haben vor und zu Beginn der Renaissance vor allem zwei Familien geprägt: die Visconti und die Sforza. Die Visconti gab es bereits im 11. Jahrhundert in Mailand. Mit Ottone Visconti (1207-1295) stellten sie im 13. Jahrhundert den Erzbischof der Stadt, mit Matteo I. Visconti (1250-1322) einen politischen Anführer der Stadt sowie den kaiserlichen Vikar der Lombardei. Die Macht der Visconti erweiterte in der Mitte des 14. Jahrhunderts Giovanni Visconti (1292-1349). Der mächtigste Herrscher aus der Familie der Visconti war schließlich Gian Galeazzo Visconti (1351-1402). Bedeutende Städte im Norden Italiens wurden erobert, zum Beispiel Pavia, Piacenza, Parma, Cremona, Bergamo, Brescia, Verona, Como, dann noch Verona und Vicenza (Venetien), Pisa, Siena und Perugia (Umbrien und Toskana).

Gian Galeazzo Visconti hatte zwei Söhne, männliche Nachkommen blieben diesen aber verwehrt – und so übernahm die Familie der Sforza 1450 die Herrschaft in Mailand und schuf ein „eindrucksvolles(s) Zusammenspiel von sozialem Wohlstand, Wirtschaftsblüte, schrankenloser Förderung der Gelehrsamkeit und Künste“[36].

In den Dienst Gian Galeazzo Viscontis trat Antonio Loschi (1365 oder 1368-1441). Er hatte in Pavia Grammatik und Rhetorik studiert und galt später als einer der führenden Humanisten seiner Zeit.[37] Er war stark in die Politik eingebunden, was zu Konflikten mit bedeutenden Humanisten anderer Herrscher führen sollte.

Antonio di Pietro Averlino (um 1400-1469), Filarete genannt, war ein Bildhauer und Architekt, der aber auch ein Buch über die Architekturtheorie (1464) geschrieben hat, das ebenso vielgestaltig wie umstritten war. Giorgio Vasari (1511-1574), auch der erste Kunsthistoriker genannt, nannte das Buch Filaretes „überwiegend lächerlich und so albern wie irgend möglich“[38] – wahrscheinlich deshalb, weil sich neben rein Theoretischem zur Architektur auch Passagen finden, die auf den ersten Blick so gar nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben scheinen: „Der Text stellt also eine eigentümliche Mischung aus Architekturtraktat, Lehrbuch für den Zeichenunterricht, Fürstenspiegel, Erziehungsroman, Wissensenzyklopädie und literarischer Utopie dar“, schreibt Berthold Hub über das „Libro architettonico“ – und findet Filateres Werk im Übrigen überhaupt nicht „lächerlich“.[39]

Nach Mailand kam 1481 auch der Universalgelehrte Leonardo da Vinci (1452-1519). Er sollte über 20 Jahre für die Sforzas arbeiten. Bevor es um Leonardo geht, seien noch zwei weitere Städte und Personen genannt, die für Renaissance und Humanismus wichtig waren.

Ferrara und Mantua

Peter Burke betont die große Bedeutung der humanistischen Schulen in Ferrara und Mantua. Sie dienten vor allem den Herrscherfamilien: Durch die Lehrenden wurden die Fürsten der nächsten Generation humanistisch geschult.[40] Charakter und Intellekt sollten geschult werden, das Lernen sollte voller Genuss sein. Für den Markgraf von Ferrara, Niccolò III. d’Este um 1383-1441) war zum Beispiel Guarino von Verona (1374-1416) als Erzieher und Lehrer des Sohnes tätig, nachdem er in Konstantinopel studiert hatte und von dort zahlreiche Manuskripte mitgebracht sowie Schriften von Strabon und Plutarch übersetzt hatte. Später erhielt er eine Berufung zum Professor in Ferrara.

Erziehend und bildend tätig wurde auch Vittorino da Feltre (1378-1446) in Mantua bei dem dort herrschenden Gianfrancesco I. Gonzaga (1395-1444). Er war maßgeblich beteiligt an der Errichtung des ersten Internats der Bildungsgeschichte.[41].

Verweise

[1] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 36.

[2] Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Übers. v. Karl Witte, München: Winkler-Verlag, 1964, online unter:
http://www.zeno.org/(…)/Das+Dekameron/Sechster+Tag/Fünfte+Geschichte

[3] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 371.

[4] Simone Ferrari, Das Geschenk der Malerei: Die schönsten Bilder von Giotto bis Goya, Köln 2004, S. 8.

[5] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 41.

[6] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 42f.

[7] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 376.

[8] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 374f.

[9] Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart 1988, S. 501.

[10] Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart 1988, S. 479.

[11]  Andreas Tönnesmann: Die Kunst der Renaissance, München 2007, S. 25.

[12] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 364ff.

[13]  Andreas Tönnesmann: Die Kunst der Renaissance, München 2007, S. 13.

[14] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 454.

[15] Manfred Wundram: Kunst-Epochen Band 6: Renaissance, Ditzingen 2019, S. 29.

[16] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 456.

[17] Manfred Wundram: Kunst-Epochen Band 6: Renaissance, Ditzingen 2019, S. 144.

[18] Andreas Tönnesmann: Die Kunst der Renaissance, München 2007, S. 28.

[19] Manfred Wundram: Kunst-Epochen Band 6: Renaissance, Ditzingen 2019, S. 47.

[20] Siehe dazu: Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 523f.

[21] Andreas Tönnesmann: Die Kunst der Renaissance, München 2007, S. 19.

22  Zöllner, Frank: Leon Battista Albertis „De pictura“ – Die kunsttheoretische und literarische Legitimierung von Affektübertragung und Kunstgenuss. Originalveröffentlichung in: Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Zürich, 4 (1997), S. 23-39, S. 24 (abgerufen unter: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4436/1/Zoellner_Leon_Battista_Albertis_1997.pdf am 19.04.2020)

[23] Zöllner, Frank: Leon Battista Albertis „De pictura“ – Die kunsttheoretische und literarische Legitimierung von Affektübertragung und Kunstgenuss. Originalveröffentlichung in: Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Zürich, 4 (1997), S. 23-39, S. 31 (abgerufen unter: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4436/1/Zoellner_Leon_Battista_Albertis_1997.pdf am 19.04.2020)

[24]  Ulrich Rehm: Botticelli: Der Maler und die Medici. Eine Biographie. Stuttgart 2009, S. 83.

[25] Andreas Tönnesmann: Die Kunst der Renaissance, München 2007, S. 24.

[26] Manfred Wundram: Kunst-Epochen Band 6: Renaissance, Ditzingen 2019, S. 158.

[27] Barbara Deimling: Sandro Botticelli. Köln 1999, S. 43.

[28] James H. Beck: Die Malerei der italienischen Renaissance. Köln 1999, S. 190.

[29] Barbara Deimling: Sandro Botticelli. Köln 1999, S. 41.

[30] James H. Beck: Die Malerei der italienischen Renaissance. Köln 1999, S. 197.

[31] Marc Reichwein: Die fragwürdige Papstpracht im Rom der Renaissance. Online auf den Seiten von welt.de unter: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article160516660/Die-fragwuerdige-Papstpracht-im-Rom-der-Renaissance.html (vom 22.12.2016, abgerufen am 28.12.2021).

[32] Siehe Ulrich Muhlack: Renaissance und Humanismus. (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 93) Berlin/Boston 2017, S. 210.

[33] Erich Meuthen: Das 15, Jahrhundert. oldenbourg-Grundriss der Geschichte, Bd. 9. 2. ergänzte Aufl. München 1984, S. 87.

[34] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 502.

[35] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 61.

[36] Hellmut Diwald: Anspruch auf Mündigkeit um 1400 – 1555. (Propyläen-Geschichte Europas, Bd. 1). Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1982. S. 96.

[37] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 60.

[38] Berthold Hub: Filarete: Der Architekt der Renaissance als Demiurg und Pädagoge, Wien: Böhlau 2020, S. 12.

[39] Berthold Hub: Filarete: Der Architekt der Renaissance als Demiurg und Pädagoge, Wien: Böhlau 2020, S. 12.

[40] Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München 1998, S. 65.

[41] Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. München 2017, S. 500.