Die Renaissance, das „düstere“ Mittelalter und die kolonialistische Literatur

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Interview: Gegen das Mittelalter als düstere Epoche

Auf der Website der Ruhruniversität Bochum führt Meike Drießen, Redaktionsleitung des Ressorts Wissenschaft, ein Interviews mit Prof. Dr. Ulrich Rehm, Professur für Kunstgeschichte des Mittelalters am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität. Er erklärt darin die Thesen aus seinem Buch „Klassische Mythologie im Mittelalter. Antikenrezeption in der bildenden Kunst“.

Rehm widerlegt das lang verbreitete Klischee, das Mittelalter habe antike Werke nur christlich umgedeutet und formal vereinfacht. Er führt in seinem Werk etliche Belegean, dass die Menschen im Mittelalter antike Motive – etwa auf Münzen, Gemmen oder in Handschriften – bewusst rezipierten und direkt visuell aufgriffen, etwa bei der Darstellung der Göttin Kybele oder einer nackten Venus in einem Reliquiar. Die These des Kunsthistorikers Erwin Panofsky (1933), das Mittelalter habe antike Formen nur „disintegriert“, geht auf dessen idealisiertes Antike-Bild und die Abwertung des Mittelalters als „düstere“ Epoche zurück.

Rehm betont, dass sich das Mittelalter vielmehr als Fortsetzung des Römischen Reiches verstand und antikes Wissen systematisch überlieferte, etwa für astronomische Berechnungen. Das hartnäckige Bild vom „dunklen Mittelalter“ erklärt er mit der Selbstlegitimation der Moderne, die sich über die Renaissance als zivilisatorischen Aufbruch definiert – obwohl die Frühe Neuzeit mit Kolonialismus und Hexenverfolgung eigentlich grausamer war.

Interview: Die Renaissance als Werkzeug der Kolonialherrschaft?

In einem Interview von Christopher Ferner (veröffentlicht auf Tagesspiegel.de) zeigt der Romanist Nicolas Longinotti auf, wie die italienische Renaissance-Literatur im kolonialen Lateinamerika als anti-emanzipatorische Waffe eingesetzt wurde: Werke von Petrarca oder Vittoria Colonna dienten dazu, indigene Bevölkerungsgruppen als „unzivilisiert“ abzuwerten – etwa indem ihre Fähigkeit zu „höheren Gefühlen“ wie Liebe bestritten wurde. Gleichzeitig wurde das emanzipatorische Potenzial von Autorinnen wie Colonna ignoriert und stattdessen ihr Bild als ideale, unterwürfige Ehefrau propagiert, um kolonialistische und patriarchale Strukturen zu legitimieren.

Longinotti, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanische Philologie, zeigt, wie die Renaissance, obwohl kulturell bedeutend, eng mit der Kolonialisierung verknüpft war: Europäer nutzten sie, um ihre Überlegenheit zu behaupten und nicht-europäische Kulturen als „barbarisch“ zu diffamieren. Longinottis Erkenntnisse basieren auf seinem Forschungsprojekt „Weaponizing Italian Renaissance Literature: Catholicism, Gender, and Race in Colonial Latin America“. Sie offenbaren, wie Literatur Machtverhältnisse zwischen Geschlechtern und Kulturen prägte – und wie überraschende Kontinuitäten (z. B. die Symbolik von Pferden als männliche Identitätsstifter) bis in die Moderne wirken.

WebHistoriker.de: Geschichte der Renaissance

Was meint der historische Begriff „Renaissance“ eigentlich? Wann genau war die Renaissance? Wie begann sie und wie entwickelte sie sich? Welche Personen, welche Länder und Städte, welche neuen Gedanken, Ideen und Werke prägten diese Epoche? Diese und mehr Fragen beantwortet der mehrteilige Artikel von WebHistoriker.

zur Geschichte der Renaissance