Chronik: 16. Jahrhundert – 1500

seit dem 15. Jahrhundert: Renaissance (Kulturepoche)
In der Epoche der Renaissance (frz., “Wiedergeburt”) wurden die antike Kunst, Philosophie und Literatur neubelebt, “wiedergeboren”. Das signifikante Merkmal aller künstlerischen, philosophischen und wissenschaftlichen Leistungen der Renaissance war die Zentralisierung des Menschen. Die Welt wurde nicht mehr mittels eines transzendenten Gottesverständnisses, sondern durch ein weltimmanentes Prinzip erschlossen – entsprechend dem Homo-Mensura-Satz des antiken Philosophen Protagoras: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge.”

Der Mensch erschien zunehmend als Individuum, als selbst wirkende Kraft, die wirken und bewirken kann. Dies zeigte sich zum Beispiel in der Kunst: Maler und Bildhauer schufen Werke, die denen der Antike kaum nachstanden, und den Menschen in den Mittelpunkt rückten. Damit eng in Zusammenhang steht der Humnanismus (lat. humanitas, dt. das Menschentum, also das, was den Menschen auszeichnet), eine Geisteshaltung und Bildungsbewegung, ein Weltbild, das unter Berufung antiker Schriften und Lehren die Bildung des Menschen hervorhob, auf dass dieser sich frei entfalten kann. Die sprachliche und literarische, aber auch die ethische Bildung sollten den Menschen als autonomes Wesen auszeichnen.

seit dem 15. Jahrhundert: Epoche der Musikgeschichte: Renaissance
Musikalisch glich die Renaissance viele nationale Eigenheiten der einzelnen Musiken Europas aus. Ende des 16. Jahrhunderts bestanden zwischen dem volkstümlichen England, dem polyphonen Frankreich und dem gesanglichen Italien mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Selbstverständlich blieben aber nationale-gattungsspezifische Besonderheiten erhalten.

In der Kunstmusik überwog weiterhin die geistliche Musik, wenngleich die weltliche Musik eine immer stärkere Rolle spielte und auch Einfluss auf die geistlichen Kompositionen nahm. Ihre zentralen Gattungen waren: die Messe, das Madrigal, die Motette und die franz. Chanson.

Der Kompositionsstil orientierte sich am Gesang. Die Sänger waren stets professionelle Musiker, meistens seit der Kindheit vielseitig ausgebildete Kleriker, die nebenbei oftmals noch als Kapellmeister, Instrumentalisten und Komponisten tätig waren. Die Chöre waren meist solistisch (max. jedoch mit drei Sängern pro Stimme) besetzt. Die Instrumente, sofern vorhanden, unterstützten die Stimmen colla parte (angepasst an die Hauptstimme).

Als revolutionär gilt die Entdeckung der Bassregion als neuer Klangraum, das aufkommende kadenzielle Komponieren, sowie das neue Harmoniegefühl, das v.a. durch die Intervalle der Terz und der Sexte erzeugt wird.

Musiktheoretisch entwickelte Gioseffo Zarlino (1517-1590) eine Musiktheorie, die das “Senario” (die ersten sechs Töne der Natur- bzw. Obertonreihe) als kompositorische Grundlage definiert. Durch dieses Konzept wurde der Dreiklang in der Musiktheorie etabliert und setzte sich zugleich von der mittelalterlichen Lehre der pythagoreischen Tetraktys ab.

Die Musik der Renaissance bemühte sich um Wohlklang, den sie durch die Diatonik, klare Betonung der starken Zählzeiten eines Taktes und der reinen Stimmung zu realisieren suchte.

Epochenabschnitte

Es gab und gibt verschiedene Versuche, die knapp 200 Jahre dauernde Epoche der Renaissancemusik zu unterteilen. Eine mögliche Variante ist die Aufgliederung nach den Hauptakteuren, den Komponisten. Im Folgenden werden einzelne entscheidende Protagonisten und einige der diese Phasen bestimmenden Merkmale benannt.

1420-1460: John Dunstable, Guillaume Dufay und Gilles Binchois
Die erste Phase war eine Übergangszeit, da hier die renaissancetypischen Umbrüche stattfanden, initiiert durch den englischen Komponisten John Dunstable (1380-1453): Einführung von Terzen, Sexten und vorbereiteten Dissonanzen (Pankonsonanzen) und die Entstehung der Tenormesse (auch: Cantus-Firmus-Messe; der “feststehende Gesang” der Messe steht in der Stimmlage Tenor).

Als zentraler Vertreter dieser Zeit ist sicherlich Guillaume Dufay (1400-1474) zu sehen, neben ihm auch der am burgundischen Hof tätige Gilles Binchois (1400-1460). Dufays ca. 200 Werk starkes Oeuvre umfasst Messen, Madrificats, Hymnen, Motetten, Chansons. Kompositorisch verfestigte er die neuen Entwicklungen, übernahm in seinen Motetten und Messen die Isorhythmie Dunstables (d.h. die abschnittsweise Wiederholung rhythmischer Strukturen) und richtete seine Melodik nach der immer stärker werdenden Tendenz zur Dreiklangsharmonik aus, oft in Form des “Fauxbourdon”.

Der Fauxbourdon ist eine Satztechnik, die die Melodie eines Stückes in die höchste Stimmlage oktaviert und darunter zwei Begleitstimmen im Intervall einer Quarte und einer Sexte setzt, wodurch ein umgekehrter Dreiklang entsteht.Die Vierstimmigkeit der Stimmlage (Sopran, Alt, Tenor, Bass) wird ausgehend von Dufay zur musikalischen Norm. Seine Cantus Firmi entstammen nicht immer der Liturgie, sondern auch weltlichen Melodien. Das berühmteste Beispiel ist sein Soldatenlied, das zu einem Standard Cantus Firmus der folgenden Renaissance-Kompositionen wird (so etwa bei: Antoine Busnois und Josquin Depréz in ihren Messen “L´homme armé”).

1460-1490: Johannes Ockeghem
Die zweite Generation wird durch den am französischen Hof Ludwig des XI. tätigen, flämischen Komponisten Johannes Ockeghem (1430-1495) eingeleitet.Ockeghems Kompositionen lösen sich vom Prinzip einer führenden Oberstimme und setzen das Prinzip gleichwertiger, freier Einzelstimmen entgegen, die sich durch Imitation und Motivik einander angleichen. Er entwickelt Dufays Vokalstil zu einer Linienkunst weiter, die die Stimmen in weitgespannte Sätze ohne gliedernde Kadenzen oder Wiederholungen verschmelzen lässt. Die Vielfalt oder Abwechslung (lat. varietas) wird zum ästhetischen Prinzip. Er bedient dieselben Gattungen wie seine Vorgänger, bereichtert sie allerdings um einige Kanons. Eine seiner berühmteste Motetten ist die “Intemerata Die mater”.

1490-1520: Josquin Despréz
Die Hochzeit leitet Josquin Despréz (1440-1521) ein. Seine Wirkung ist etwa vergleichbar mit der Bachs oder Beethovens, die eine große Anhängerschaft nach sich zog. Er schafft einen Ausgleich zwischen den beiden vorangegangenen Komponistengenerationen. Seine Musik versucht bewusst Ausdruck zu schaffen, indem er musikalisch-wortartige Motive komponiert und Dissonanzen im Hinblick auf ihre Wirkung setzt. Eine weitere Neuheit ist die Verwendung von Psalmen als neue textliche Grundlage der Motette.

1520-1560: Adrian Willaert / Venezianische Schule
Der venezianische Komponist Adrian Willaert (1490-1562) war ab 1527 Kapellmeister am Dom San Marco tätig. Hier entwickelt sich ein neues Zentrum der Renaissancemusik. Er begründet die Renaissance zählende “Venezianische Schule”, die ihre Tradition bis ins Frühbarock hat, und schart einen großen Schülerkreis (“Willaertkreis”) um sich. Willaert spaltet den musikalischen Satz auf und entwickelt als erster die Doppelchörigkeit. Seine Komposition umfassen alle typischen Gattungen und verfestigen bereits etablierte musikalische Normen. Großen Einfluss übt er auf die Musiktheorie aus, besonders auf den Theoretiker Zarlino (s.o.).

1560-1600: Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso und Giovanni Gabrieli
Das “spätniederländische Zeitalter” wird durch die schon zu Lebzeiten beachteten Komponisten Lasso, Palestrina und Gabrieli vollendet. Letzterer gilt jedoch als Schwellenfigur, weil seine Mehrchörigkeit zwar einerseits für eine Zuordnung zur Renaissance spricht, die homophone Satzstruktur andererseits schon sehr barock wirkt.

Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) steht für die mehrstimmige und textlich verständliche Musik, die er, der Legende nach, für die katholische Kirche “salonfähig” machte (siehe: 1567: Giovanni Pierluigi da Palestrina: Missa Papae Marcelli). Orlando di Lasso (1532-1594) galt als außerordentlich humorvoll, was sowohl durch die überlieferten Briefe, als auch durch witzige Kompositionen belegt ist. Er entwickelt den Motettenstil Josquins weiter. Giovanni Gabrieli (1555-1612) schließlich entwickelte die Mehrchörigkeit weiter, begünstigt durch die baulichen Gegebenheiten des San Marco Domes (siehe: 1597: Giovanni Gabrieli: Sacrae Symphoniae). Seine Vokal- und Instrumentalmusik war europaweit geschätzt und lockte viele Schüler zu ihm. Er prägt als erster den Begriff der “Sonate” als klingendes Instrumentalstück. Die begleitenden Instrumente wie Orgel oder Laute spielen eine eigens herausgefilterte Stimme, den “basso seguente”. Hierbei handelt es sich um einen Vorläufer der Generalbasses.

seit 1486: Maximilian I. (römisch-deutscher König)
Maximilian I., der im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein Regent war, der Probleme aktiv anging, wurde 1508  zum Kaiser gekrönt (“Erwählter Römischer Kaiser”).

seit 1495: Ewiger Landfrieden
Der Ewige Landfrieden gilt in der deutschen Rechtsgeschichte als eines der bedeutendsten Bestimmungen oder Wendepunkte um 1500. Er bestimmte, dass über Rechtsbrüche Gerichte entscheiden sollten. Das Mittel der Fehde, also eine Art Selbstjustiz bei einem Rechtsbruch, wurde verboten. Das Gewaltmonopol ging damit in die “öffentliche Hand” über. (Gotthard: Das Alte Reich, 5. Aufl., 2013, S. 33) Dazu wurde, ebenfalls auf dem Wormser Reichstag von 1495, noch das Reichskammergericht “installiert”, das eben die Fälle eines Rechtsbruchs behandeln sollte – es war “die erste selbständige Reichsbehörde” (Diwald: 1400-1555, Anspruch auf Mündigkeit, Propyläen Geschichte Europas, 1999, S. 314).

Wenngleich der Ewige Landfriede recht klar formuliert war, sollte es teilweise noch einige Jahrzehnte dauern, bis er sich überall durchgesetzt hatte. Einzelne Kriege zeigten zudem auf, dass weitere Maßnahmen zur Durchsetzung eines solchen inneren Friedens notwendig waren.

1500-1502: Nürnberger Reichsregiment
Einige Stände im Heiligen Römischen Reich versuchten mehrmals im 16. Jahrhundert, dauerhaft ein so genanntes Reichsregiment zu schaffen. Dieses sollte das Reich nach außen und im Innern stärken, gemeinsame Intreressen vertreten, Frieden und Einheit schaffen. Das hätte die Regierungsmacht des römisch-deutschen Königs deutlich eingeschränkt, weshalb sich Maximilian I. auch dagegen sträubte. Doch nicht nur daran scheiterte die Idee eines Reichsregiment: Etliche Reichsstände sahen in einer Ständeregierung ebenso eine Bedrohung ihrer Freiheiten wie in der Macht des Königs. Zudem sträubten sie sich gegen eine aktive Mitarbeit. (S. Gotthard: Das Alte Reich, 2013, S. 34)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

XML Sitemap